Spinnerte Geschichte: Der Wunsch des Herrn Ockerfuß

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Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

In der kleinen Stadt lebte einst ein Malermeister, der hieß Olaf Ockerfuß. Der Meister wohnte in einem kleinen Häuschen am Rande der Stadt – mit seiner Frau Brunhilde und seinen fünf Kindern. Vier Buben und ein Mädchen. Olaf Ockerfuß war ein schlaksiger, großer Mann, der fleißig arbeitete und mit seinem Leben zufrieden war. Er liebte seinen Beruf sehr. Und wenn er nicht die Häuser oder Zäune der Leute in der kleinen Stadt strich oder deren Zimmer tapezierte, malte er meist bunte Bilder, die er verschenkte. Olaf war ein sanftmütiger Mensch, den nichts so leicht aus der Ruhe brachte. Seine Frau Brunhilde war klein und rund und weniger zufrieden mit ihrem Leben als er.

Furchtbare Unordnung

Vor allem ihr Mann machte eine furchtbare Unordnung, sagte sie. Und er war viel zu faul, fand sie – er könnte mehr im Haushalt helfen, statt in seinem Zimmerchen blöde Bilder zu malen. Und weil Olaf nicht auf sie hörte, schimpfte sie den lieben langen Tag – mit ihren Kindern und abends mit ihrem Mann. Der zog sich immer mehr in seine Werkstatt zurück, in deren Ecke sein Atelier eingerichtet war. Hier malte er seine
Bilder. Darüber meckerte Brunhilde nur noch mehr.
»Ich an deiner Stelle würde deine Alte rauswerfen«, sagte ein Freund zu Olaf. »So ein Gemecker den ganzen Tag hält ja kein Mensch aus.«
»Ach was«, antwortete Olaf gemütlich, »warum denn? Mir geht es doch gut. Brunhilde ist eine Seele von Mensch, auch, wenn sie eine raue Schale hat. Eine bessere Frau finde ich jedenfalls nicht. Außerdem hat sie schon recht – ich bin wirklich nicht sehr ordentlich.« Das sagt er zwar gerne, änderte sich aber nicht.

Der fatale Wunsch

Eines Tages war es selbst dem sanftmütigen Olaf zu viel. Er hatte den ganzen Tag hart gearbeitet und noch dazu eine schwere Erkältung am Hals. Er kam nach Hause und legte sich ins Bett, um sich auszuschlafen. Denn am nächsten Tag musste er wieder arbeiten – er hatte niemanden, der das für ihn übernehmen konnte. Aber kaum lag der Malermeister im Bett und war eingeschlafen, polterte sein Eheweib Brunhilde ins Schlafzimmer. »Steh auf, du Faulpelz! Du musst noch die Treppe putzen!«
»Ich bin krank, Brunhilde. Ich putze morgen.«
»Morgen, morgen. Immer heißt es morgen bei dir. Du bist nicht krank, du bist faul! Raus aus dem Bett!«
Aber Olaf blieb liegen, er war sehr krank. Und er sagte: »Du bist wirklich ein Ochsenfrosch! Ich wünschte, man sähe dir das auch an.« Das hätte Olaf nicht sagen sollen. Denn es gab einen Knall, einen Blitz, ein kleines Wölkchen stieg auf, – und Brunhilde war tatsächlich ein Ochsenfrosch.

Ein Ochsenfrosch

»Quack«, sagte sie, »quack, quack, quack!« Olaf erschrak – das hatte er nicht gewollt. Und er fand es recht eigenartig, dass sein Wunsch so ohne Weiteres in Erfüllung gegangen war. Das hatte es ja noch nie gegeben.
Der Grund war verblüffend einfach: Olaf hatte am Vormittag einem alten Mütterchen über die Straße geholfen. Denn das gehörte sich einfach so, fand Olaf Ockerfuß; er war noch ein Kavalier der alten Schule.
Nun war die gute Alte aber die Hexe Silbermond, die zu ihrer Freundin, der Hexe Siebenwurz, unterwegs war, die in der kleinen Stadt lebte. Die Hexe Silbermond hatte sich sehr über den hilfsbereiten Menschen gefreut. So sehr, dass sie ihm heimlich einen Wunsch gewährte. Olaf hatte davon aber nichts bemerkt. Und sein erster Wunsch war gewesen, seine Frau Brunhilde möge wie ein Ochsenfrosch aussehen.
Brunhilde schimpfte zwar viel den lieben langen Tag – aber Olaf liebte seine Frau doch. So war er sehr erschüttert, Brunhilde als Ochsenfrosch zu sehen. Er setzte sie in eine ausgepolsterte Kiste und trug sie zur Hexe Siebenwurz – denn nur sie konnte ihm hel-
fen, das wusste er.

Zwei Hexen beim blauen Tee

Er klopfte artig an die Tür, drinnen saßen die beiden Hexen Siebenwurz und Silbermond beim blauen Tee. Die Hexe Silbermond erkannte ihren Wohltäter vom Vormittag wieder und freute sich über seinen Besuch.
Doch nachdem sich Olaf gesetzt und erzählt hatte, was passiert war, erschrak sie. Das hatte sie nicht gewollt.
Die Hexe Siebenwurz nahm den Ochsenfrosch vorsichtig aus der Kiste und setzte ihn auf ihre flache Hand.
»Na, wen haben wir denn da?«, fragte sie. Und fuhr fort: »Brunhilde Ockerfuß, soso. Ich hörte, dein Mann hat dich in
diese, äh, ungewöhnliche Erscheinung gewünscht. Ja ja, so kommt es, wenn man mit seinem Mann den ganzen Tag nur schimpft. Das soll dir eine Lehre sein – lass die Menschen so, wie sie sind. Und du, lieber Olaf, solltest deiner Brunhilde das Leben ein wenig einfacher machen. Mach nicht so viel Unordnung. 
Und verwünsch sie vor allen Dingen nicht in Ochsenfrösche.«
Dann zauberte die Hexe Siebenwurz die Brunhilde in ihre alte 
Gestalt zurück.
Beiden war die Geschichte eine tatsächliche Lehre – Olaf half Brunhilde und malte weniger komische Bilder; und Brunhilde ließ ihren Olaf auch mal in Ruhe. So hatte der Wunsch, den die Hexe Silbermond dem Malermeister gewährt hatte,
doch noch sein Gutes.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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