Spinnerte Geschichte: Der alte Märchendichter Jonathan

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Bild: pixabay.com/PublicDomainPictures

Wie ein Greis jung wird und heimkehrt zu seiner Familie und seiner Aufgabe.
In der kleinen Stadt lebte ein Mann mit Namen Jonathan, der wohnte in einem winzigen Haus an der Stadtmauer. Das Häuschen war dunkel, aber trocken. Und im Gärtlein gab es einen Streifen, den beschien ab und zu die Sonne. Dort hatte der alte Mann Rosen gepflanzt, die prächtig gediehen. Jonathan saß oft in seinem Garten unter dem Schatten des Walnussbaumes und freute sich an seinen Rosen. Manchmal hörte er das »Krakra« der Krähen – und spürte ein eigenartiges Ziehen in seiner Brust.

Jonathan war ein Märchendichter

Viele Jahre lang war Jonathan ein Märchendichter gewesen. Er hatte Geschichten geschrieben und sie freitags in der alten Schule erzählt. Die Menschen strömten von weit her in die alte Schule, nahmen auf den harten Bänken Platz und lauschten gebannt den wundersamen Erzählungen des alten Mannes. Die Menschen liebten seine Geschichten. Das hatte Jonathan bekannt gemacht – aber weder reich noch berühmt. Dazu war er zu bescheiden geblieben. Ihm genügte es, in einem Rosengärtlein zu sitzen und an seinem wackeligen Holztischchen mit seinen Bleistiftstummeln wundersame Geschichten auf Papier zu krakeln und sie anschließend so mühsam wie ordentlich auf seiner alten Schreibmaschine ins Reine zu tippen. Und dass seine Zuhörer glücklich waren mit seinen Geschich- ten, das freute den alten Mann. Seinen bescheidenen Lebens- unterhalt verdiente er mit einer kleinen Schneiderwerkstatt unter dem Dach seines Häuschens.

Der alte Dichter schrieb nicht mehr

Nun hatte der Dichter aber das Märchenschreiben ganz aufgegeben. Die Leute der kleinen Stadt bedrängten den alten Dichter, weiterhin seine Geschichten zu erzählen – vergebens. Er wusste, dass er alle Geschichten erzählt hatte, die in ihm steckten – bis auf eine, deren Zeit noch kommen würde. Das spürte er.

Besuch der Krähenkönigin

Eines Tages saß er wieder in seinem Rosengärtlein. Er genoss das Rauschen der Blätter über ihm, lauschte dem Krächzen der Krähen und betrachtete seine Rosen – da flog eine Krähe neben ihn auf die Bank. Sie hatte einen rubinroten Schnabel und weiße Flügel. Die Krähe hielt den Kopf schräg, betrachtete ihn von oben bis unten und sprach: »Ich bin Jolantha, die Königin der Krähen aus dem Ich bin in Not und bitte dich, mir zu helfen.« Jonathan stand mühsam auf, verbeugte sich tief vor Jolantha, denn das gehörte sich so bei einer Königin und fragte: »Wie könnte ich Euch helfen? Ich bin ein alter, schwacher « »Aber du kannst zaubern!«, rief die Krähenkönigin und schlug begeistert mit den weißen Flügeln. »Zaubern? Ich? Davon weiß ich nichts, Ihr müsst Euch täuschen, Majestät«, antwortete Jonathan. »Doch kannst du zaubern – du zauberst mit deinen Geschichten«, erwiderte die seltsame Krähe voller Ernst und fuhr fort: »In deinen Geschichten wohnt der größte Zauber überhaupt!«

Geschichten gesponnen

Jonathan seufzte: »Ach, das ist schon eine Weile her, dass ich Geschichten gesponnen habe. Mir fällt nichts mehr ein.« Die Krähe stolzierte elegant und majestätisch auf der Lehne der Bank hin zu Jonathan, beugte sich vor und krächzte leise: »Ach bitte, erzähle mir eine neue Geschichte. Nur eine. Und du wirst sehen, welchen Zauber sie entfaltet.« Dem alten Dichter wurde warm ums Herz. Dennoch fragte er: »Warum soll ich dir eine Geschichte erzählen?« Die Krähe seufzte traurig: »Weil ein böser Zauberer vor vielen Jahren meinen Mann verhext hat.« Mehr sagte sie nicht, und Jonathan fragte auch nicht weiter.

Schritt für Schritt ins eigene Geschäft …

Jonathan als Krähe

Das arme Tier brauchte bestimmt ein wenig Trost, dachte er und begann zu erzählen. Der alte Märchendichter erzählte, wie er noch nie erzählt hatte – in seiner Geschichte lebte wirklich ein Zauber auf. Kaum hatte er geendet, gab es einen scharfen Knall, ein Wölkchen stieg auf – und der alte Märchendichter Jonathan war eine stattliche Krähe. »Jonathan!«, freute sich Jolantha und schlang ihre weißen Flügel um ihn. Auch Jonathan freute sich, seine Frau wieder zu sehen, die er jetzt erkannte – denn er war niemand anderes als der Krähenkönig, den der böse Zauberer in einen Menschen verwandelt hatte. Jonathan hatte all die Jahre als Mensch gelebt und nicht gewusst, dass er eigentlich eine Krähe war … Im Hexenwald war seitdem die Zeit stehen geblieben.

Mächtiger Magier

Jetzt flogen Jonathan und Jolantha dorthin. Hier warteten auf Jonathan sein Königreich, seine sieben Kinder – und der böse Zauberer Wasili Witschel. Den musste Jonathan erst einmal besiegen, aber er fürchtete sich nicht davor: Denn auch der Krähenkönig war jetzt ein mächtiger Magier – mit den Geschichten, die er sich als Märchendichter Jonathan ausgedacht hatte.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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