Scoop – Evelyn Waughs visionärer Roman

Bild: pixabay.com/marianaviolante950

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Der Journalismus ändert sich nie, sagen manche. Wenn die Welt nicht so ist, wie die Journalisten das wollen, greifen ein paar von ihnen zum Mittel des Grauens und passen die Welt ihren Wünschen an. So lautet ein gängiger Vorwurf. Er mag nicht immer stimmen, manchmal aber doch. Wie das geht mit dem Zurechtbiegen der Wirklichkeit, hat der britische Schriftsteller Evelyn Waugh in seinem brillanten Roman Scoop wunderbar beschrieben. 

Scoop ist das, was Journalisten einen Knüller bezeichnen. Und Knüller kommen mehrfach vor. Der satirische Roman zeigt die Abgründe der menschlichen Natur, der Eitelkeit und der Geltungssucht. Gewürzt mit einer Brise englischen Snobismus, leichthändig serviert.

Der Roman unterhält mit einer wohltemperierten Sprache, die ihren Leser an vielen Stellen einlullt. So, als sitze er in einem klapprigen Kahn auf einem träge dahinfließenden Fluss. Aber die Idylle und die Ruhe trügen, der Fluss steckt voller Untiefen, Stromschnellen und schroffen Felsbrocken. Unversehens blickt der Leser in tiefe menschliche Abgründe.

Familie kauziger Landadeliger

Was steht im Buch? Es erzählt die Geschichte von William Boot, geboren in eine Familie kauzigen Landadels. Snobs natürlich. Boot schreibt für die große Tageszeitung Daily Beast die Landkolumne „Üppige Auen“. William Boot ist es ganz zufrieden, er hat, was er will.

Das kann man von John Courteney Boot nicht behaupten. Er langweilt sich. Das darf natürlich nicht sein, so beschließt die einflussreiche Mrs. Algernon Stich, ihm einen spannenden Job zu verschaffen. Auslandskorrespondent wäre schick. Das müsste sich für einen John Boot, immerhin Lieblingsschriftsteller des Premierministers, ja wohl zu machen sein. Also wendet sie sich an ihren guten Freund Lord Copper, seines Zeichens Herausgeber des Beast. Macht der gerne und beauftragt Redakteur Salter mit den Einzelheiten.

Zwei Boot stehen zur Wahl. Eigentlich

Nun will es aber das Schicksal, dass Salter, vielleicht ein wenig unbelesen, nur einen Boot kennt: William Boot, der beim Beast die „Üppigen Auen“ verfasst. Er findet die Auen zwar ein wenig schwülstig, wundert sich also über Lord Coppers Wahl, aber der wird schon wissen, was er tut.

Für Boot geht es nach Afrika. Dort soll ein Bürgerkrieg toben in Ishmaelia. Nichts tobt, alles eine Erfindung von Journalisten, die dann bald in Scharen einfallen. Es ist stinklangweilig, die Journalisten schauen dem Regen beim Fallen zu, blasen alles und nichts zu Riesensensationen auf, schreiben einen harmlosen Bahnschaffner zu einem russischen Spion um.

Und Boot? Sendet Wetterberichte an den Beast, pflegt ein Techtelmechtel mit Kätchen, seiner deutschen Freundin. Evelyn Waugh zeichnet mit ihr seine berührendste Figur, die eine wunderbare Mischung aus Keckheit und Scham ist. Am Ende kehrt sie doch wieder zu ihrem Ehemann zurück, vorher aber verhilft sie Boot zu seinem Scoop.

Karawane der eitlen Journalisten

Denn während die Karawane der Journalisten die Hauptstadt Jacksonburg auf der Suche nach der Sensation verlassen, bleibt Boot dort; und findet seine Sensation. Ganz nebenbei wird er selbst zum Helden. Ein Knüller, eine Seite-1-Geschichte. Und da ist er, der Scoop. Boot reist kurz darauf triumphal zum Beast (der ihn vorher schon rausgeworfen hatte wegen seiner nichtssagenden Berichte).

Boot soll natürlich gebührend ausgezeichnet werden, der Premierminister soll ihn adeln. Plötzlich wird klar: Es gibt zwei Boots, beide sind eingeladen. Was tun? Vielleicht bringt ja ein Onkel von William Boot die Lösung. Wirklich, ein ganz reizendes Buch. Selbst, wenn der Vorwurf nicht stimmt, die Journalisten frisierten sich schamlos die Wirklichkeit zurecht – Scoop bleibt eine exquisite Lektüre.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....