Schreibschule: Keine Panik vor dem Schreibbeginn

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Bild: pixabay.com/Anna

Panik vor einem weißen Blatt Papier? Oder der leeren Bildschirm-Seite? Das muss nicht sein. Entspannen Sie sich, arbeiten Sie – und denken Sie um Himmels willen nicht nach!

Die Muse ist eine launische Geliebte: Je mehr sich der Künstler nach ihr verzehrt, desto rarer macht sie sich. Zeigt er ihr jedoch die kalte Schulter, umwirbt sie ihn heiß. Wer das berücksichtigt, wird nie wieder vor einem leeren, weißen Papier sitzen und mit dem schweren ersten Wort kämpfen.
Einfache Lösung
Die Lösung ist ganz einfach: Der Autor muss immer nur für sich schreiben. Nie für andere. Und nie sollte er sich einbilden, ein unsterbliches Werk für alle Ewigkeiten zu verfassen. Er muss das schreiben, was ihm gefällt. Was in ihm drinsteckt und was unbedingt raus will. Seine Geschichte. Er muss das erzählen, was ihn ausmacht. Je weniger Bedeutung er seinem Text beimisst, desto weniger Versagensängste suchen ihn heim.

Munter losschreiben

Also, munter losgeschrieben – und wenn es eine Seite Kokolores ist über Tante Ernas unmögliches Kleid und wie sich Onkel Ewald auf seinen Hut gesetzt hat bei der Familienfeier am vergangenen Wochenende. Haha! Das ist allemal besser, als vor lauter Ehrfurcht vor dem Jahrhundertroman, der in Ihnen rumort, schier gar nichts hinzubekommen, weil der Schreibkrampf Sie im Griff hat.
Das Geheimnis guten Schreibens sind zwei Dinge: Die Entspannung und die gute Vorbereitung. Zuerst zum Zweiten: Nehmen Sie sich die Zeit, selbst die kleinste Kurzgeschichte akribisch durchzuplanen.

Akribische Vorbereitung

Überlegen Sie, was Sie damit sagen wollen, formen Sie also die Moral der Geschichte (die Prämisse). Arbeiten Sie dann die Charaktere anhand dieser Prämisse aus. Sie brauchen Personen, die stark sind. Die einerseits die Moral der Geschichte beweisen und transportieren, zweitens interessant sind (mit Ecken und Kanten) und die drittens etwas unbedingt wollen. Und Gegenspieler, die ebenso interessant sind und mit aller Macht verhindern wollen, dass der Held sein Ziel erreicht. Mit mindestens ebenso starken Motiven.

Personen mit Tiefgang

Personen von Tiefgang bekommen Sie, wenn Sie für die wichtigsten eine ausführliche Biografie schreiben. Um diese Romanfiguren bauen Sie die Konflikte, bis zum finalen Showdown, der einen Sieger zurücklässt und die Moral ihrer Geschichte zeigt – und das beweist, was Sie beweisen wollen. Danach müssen Sie alle Personen und Konflikte ausrichten.

Das Drehbuch schreiben

Wenn Sie das haben, schreiben Sie das Drehbuch Ihrer Geschichte. Komponieren Sie jedes Kapitel einzeln durch, lassen Sie die Personen auftreten, treiben sie diese in Konflikte, die immer heftiger werden – mit vielen unerwarteten Wendungen. Notieren Sie alles auf Karteikarten oder anderen handlichen Blättern, die Sie einzeln und bequem zur Hand nehmen können.
Und dann setzten Sie sich hin und arbeiten Ihre Kapitel einzeln ab. Jeden Tag eines. Wenn Sie die Vorbereitung gewissenhaft erarbeitet haben, werden Sie nie wieder hilflos vor einem leeren weißen Blatt sitzen – Sie wissen nämlich schon, was gleich darauf stehen wird, vor Ihrem geistigen Auge spielen sich spannende Szenen ab, die Sie nur schreiben müssen.

Entspannen Sie sich

Und nun zur Entspannung: Selbst wenn Sie jeden Tag zur selben Zeit schreiben, sollten Sie sich in einem Zustand versetzen, den Pulitzer-Preisträger Ray Bradbury einmal so formulierte: „Arbeiten – entspannen – nicht denken“. Das klingt auf den ersten Blick paradox, ist es aber nicht. Denn wenn Sie nicht entspannt sind, sondern krampfhaft daran denken, dass Ihnen jetzt sofort, auf der Stelle, zackzack, der große Wurf gelingen soll, dann wird das nichts. Andererseits befinden sich viele Schriftsteller, wenn das Schreiben dann mal läuft, in einer Art Trance – sie denken nicht mehr, sie lassen es aus sich fließen.

In Trance versetzen

Um diesen Zustand zu erreichen, gibt es mehrere Methoden. Einer ist Ausdauersport oder lange Spaziergänge vor der Arbeit. Die Methode hat den Vorteil, dass Sie dabei schon mal im Geiste an Ihrer Geschichte formulieren können. Und vielen Autoren fallen dabei auch tatsächlich tolle Ideen ein.

Werden Sie monoton

Andere monotone Tätigkeiten, bei denen Sie nicht viel denken müssen, sind ebenfalls geeignet: Putzen, Staub saugen, abwaschen. Danach sind Sie in einer Art Denktrance und können wunderbar losschreiben. Eine andere Methode ist es, tatsächlich erst einmal drei Seiten Unsinn zu schreiben – als Fingerübung. Denken Sie jedoch immer daran, ehe Sie anfangen: Sie werden den Text noch unzählige Male umformulieren, wenn Sie die Schriftstellerei ernsthaft betreiben. Bis er so gut ist, wie er nur sein kann. Lassen Sie sich also nicht von der ersten Fassung ins Bockshorn jagen.
Weitere Methode: meditieren. Setzen Sie sich bequem hin, schließen Sie die Augen, denken Sie an gar nichts und achten Sie zehn Minuten nur auf ihren Atem. Auch das wirkt Wunder. Dann sind Sie herrlich entspannt, nehmen Ihren Stift, lächeln dem netten weißen Papier zu und füllen es mit wunderbaren Einfällen, die nur so aus Ihnen heraussprudeln.
Natürlich gilt das oben Geschriebene für weibliche wie männliche Autoren gleichermaßen. Ich habe mich, faul wie ich bin, auf die männliche Form beschränkt.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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