Schock deine Eltern! Rebelliere dich ins Glück!

Bild: Bruder Lustig; gesehen in OG

Unsere Art zu rebellieren

Das ist eine Rebellion, die ich mag 🙂 Echte Bücher lesen! Wir haben das auch gemacht – und dazu noch die Beatles hören müssen, um unsere Eltern wirklich zu schocken. Die Beatles sangen aus kleinen schwarzen Platten, Singles genannt, die sich auf einem Plattenteller im Kreise drehten. Wir mussten vorsichtig einen Tonarm darauf setzen, damit die Diamantnadel die Plattenrillen nicht zu sehr zerkratzte.
Aber, ich verrate euch was – das Knistern und Knacken der Schallplatten war anheimelnd schön.

Schlechte alte Zeiten?

Mein Gott, und damals, in den schlechten alten Zeiten, gab es ja nicht einmal einen Computer. Und auch keine mobilen Telefone, sondern nur Papas grauen Deutsche-Bundespost-Telefon-Kasten mit langer Strippe und einer Scheibe zum Wählen. Wenn wir mal wählen durften (etwa die Nummer der Oma), dann drehte sich die Scheibe munter im Kreis. Und ratterte so herrlich, wenn sie zurück an den Ausgangspunkt schnarrte.

Alte Telefone mit Wählscheibe

Und wie schnell hatten wir uns verwählt! Wir mussten nur mit den Kinderfingerchen in das falsche Löchlein fummeln, schon meldete sich Frau Huber aus der Wäscherei. Oder wir nahmen einen falschen Schwung, dann blieb die Scheibe auf halbem Wege hängen.
Und wenn Papa oder Mama telefonierten, war das ganz wichtig und streng geheim. Wir Kinder gingen anstandshalber und wortlos in den Flur, wenn nur das Telefon im Wohnzimmer klingelte oder Mama oder Papa sagten: „Ich muss dann mal telefonieren!“
Das Telefon mussten die Eltern bei der Post beantragen; und wer Glück hatte, bekam eines innerhalb eines halben Jahres. Das war fast so wie der Plastebomber (Trabi) in der verblichenen DDR. Wenn wir fotografieren wollten, nutzen wir so komische Kästen, auch grau, in die man eigentümliche Rollen einlegte. Darauf fiel das Licht, wir entwickelten die Filme dann in der improvisierten Dunkelkammer im Bad.

Eine Menge Bücher gab es auch

Ach ja – Bücher gab es eine Menge. Das ganze Wohnzimmer hing voller Buchregale, das Büro des Vaters und natürlich unsere Zimmer auch. Wir verbrachten ganze Nachmittage und halbe Nächte mit ihnen. Bücher, das sind so wunderbare Teile, die ihr richtig in die Hand nehmen und aufklappen und auf den Bauch stellen, an die aufgestellten Knie lehnen könnt. Und blättern könnt ihr darin auch; richtig mit den Fingern. Und, ihr werdet es nicht glauben: Bücher riechen. Saugeil.
Wir haben sie gelesen, die Bücher, weil es unglaublich spannend war. Und weil wir unsere eigenen Geschichten zu denen spinnen konnten, die wir gerade lasen oder gelesen hatten. Das machten wir mit dem Kopf. Das ist der Körperteil, an den ihr eure Riesen-Ohrhörer hängt, um euch immer und überall aus dieser Welt wegzudröhnen; während ihr durch die Straßen stolpert und in die kleinen, leuchtenden Kisten vor euch starrt, die ihr „Smartphones“ nennt. So, als wärt ihr ferngesteuert.

Moderne Zeiten – acht- und rastlos

Es gab außerdem damals nur 3 Fernsehprogramme in Schwarz-Weiß. Und die Eltern suchten sich den Film aus, den sie schauen wollten (der war meistens nichts für Kinder). Und überhaupt: Mehr als eine halbe Stunde Fernsehen war in der Woche sowieso nicht erlaubt.
Eine eigentümliche Zeit, findet ihr? Aber ich schäme mich nicht, euch davon zu erzählen, ihr rast- und achtlosen Kinder der Modernen Zeiten.
Und wisst ihr was: Unsere Zeit war schön. Es ga da eine Ruhe, die ihr heute kaum mehr findet. Wir versenkten uns in uns, wenn wir wollten – auch dazu lasen wir die Bücher. Und, wir sprachen sogar leibhaftig miteinander. Dazu setzen wir uns einfach zusammen an einen Tisch.

Ich bin stolz und glücklich, das noch erlebt zu haben. Ich weiß seitdem, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Ein glücklicher Bruder Lustig

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

2 Kommentare:

  1. Super Artikel

    Ja ja die gute Zeit wo Internet noch bedeutete die Oma zu fragen und als noch keiner sinnlos gegen Laternen oder in Flüsse gelaufen ist weil er eine SMS ins Handy tippte.

    Ach ja die Bücher die man damals nicht runterladen konnte, sondern in die Bücherreih gehen musste. Gibts die heute eigentlich noch, oder sind die zum Deko-Stück im Wohnzimmer geworden?

  2. Lieber Bruder,
    herzlichen Dank für deinen Kommentar & das Lob.
    LG
    BL

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