Saeger, Uwe: Haut von Eisen

Bild: BL

Innenansichten von Verlierertypen aus der zu Ende gehenden DDR gibt Uwe Saeger in seinen Erzählungen Haut von Eisen. Ein wegweisendes Buch.

Versunkenes Land DDR

Mit seinen Erzählungen „Haut von Eisen“ umreißt Uwe Saeger den deutschen Alltag eines versunkenen Landes mit Namen DDR. Die elf Geschichten erzählen vom Leben der kleinen Leute in der Endzeit des surreal existierenden Sozialismus deutscher Prägung. Überall Resignation, eine perfide ausgetüftelte Unterdrückung und kleine Fluchten finden sich da. Das künstliche Leben, von dem sie nichts mehr erwarten, liegt den kleinen Leuten auf der Seele wie eine Haut von Eisen. Kaum eine menschliche Regung dringt herein und kaum eine menschliche Regung dringt nach außen…

Gefrorene Bilder

So sieht es Saeger. Der Autor aus Bellin (nahe Berlin) hat seine Erfahrungen mit der DDR gesammelt und sie in Erzählungen, Romanen und Theaterstücken veröffentlicht. 1987 erhielt er in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seine Geschichten sind gefrorene Bilder aus einer toten Zeit: Keine Hoffnung haben die Menschen, unbehaust sind sie, gelangweilt vom selbstgeschaffenen, kleinen Glück, das sie doch eigentlich verachten. Und obwohl sie ins Netz der SED-Diktatur hoffnungslos verstrickt sind, die bei Saeger nie direkt, sondern manchmal nur durch ihre subalternen Geister aufscheint, haben die Menschen sich darin eingerichtet. Von Aufbegehren keine Spur.

Rebellion war da

Heute wissen wir es besser: Die Menschen haben rebelliert, sie haben aufbegehrt; sachte erst, beharrlich dann, schließlich immer selbstbewusster.

Das Salz dieser Bewegung aber waren wenige – wie immer in der Geschichte – und von ihnen erzählt Saeger nicht. Aber von Micha erzählt er: Der dickliche l9-Jährige fährt eine offene Lok, Tag für Tag, bei jedem Wetter, und seine Lok zieht die Loren aus der Kupfergrube, und ihr alter Diesel schnauft und ächzt. Kein Leben ist das, das spürt Micha genau, auf dem Kaff, wo er wohnt, ist’s nur noch öd und fad. Raus will er, der Micha, nur weg. Aber wohin? Und wie?

Öder Trott im Sozialismus

Nun, so geht alles seinen Trott, und Micha trottet mit: Die nächtlichen Besäufnisse mit der Clique, deren Hanswurst er ist, das tägliche Zetern seiner Mutter über den missratenen Sohn, die stumpfsinnige Arbeit. Nichts weiter.

Eines Tages ist es anders bei Saegers Helden

Vieles an Saegers Micha erinnert an das „Unding der Liebe“, das Ludwig Fels vor einigen Jahren schuf. Doch eines Tages ist’s doch anders: Da steht der Robert auf den Schienen, die Michas Lok entlangschnaubt.

Micha hält an und Robert, 91 Jahre alt, erzählt von seiner Tochter, die ihn heute mit Kind und Mann besuchen kommt. Wie sich der Alte freut: Tochter Irmeken hat er schon lange nicht mehr gesehen, die ist tatsächlich weg aus dem Dorf. Jetzt endlich lernt der alte Robert auch ihren Mann und den Balg kennen. Seine 91 Jahre sieht man ihm gar nicht an, so sprüht er vor Energie.
Ach, dem Micha ist das egal, er ist fertig mit sich und der Welt: „Bin neunzehn, sagt Micha, neunzehn und hab alles so satt, ich könnt mich a’n nen Baum hängen, und nischt wär anders.“

An einem Baum

Doch dann: Irmekens Mann ist ein Schwarzer, das Kind eher schwarz als weiß, und für Robert bricht eine Welt zusammen.

Während Micha noch auf seiner Lok von Irmeken träumt, in die er mal verliebt war als Junge und es vielleicht immer noch ist, hängt sich der Alte an eine Birke, nahe den Schienen.
Wie Micha ihn findet, hat Saeger großartig beschrieben. Und auch, wie sich kurz vorher Michas Wut über alles so verdichtete, dass er vielleicht wirklich aus seinem toten Leben aufbricht. „Mitten im Wald ein Baum“ heißt die Erzählung, sie ist eine der gelungensten in dem Buch. Weniger gelungen sind Saegers Dialoge über weite Strecken. Das ist bedauerlich für einen Autor von Theaterstücken. Sie durchwühlen die Texte, oft als Dialoge unkenntlich, vom Autor verschämt versteckt – ohne Anführungszeichen. Das ist unnötig atemlos.

Bleierne Zeit

Die Geschichten sind im Herbst 1990 erschienen. Da feierte das deutsch vereinigte Land schon im Hochzeitsbett, die Braut DDR hatte mit dem Brautkleid auch den sozialistischen Schleier abgelegt – wen interessierte damals noch die Zeit vor der Hochzeit? Die bleierne Zeit mit der Haut von Eisen? Erst später wechselten Braut und Bräutigam verstohlene Blicke, misstrauisch und ein wenig lieblos zuweilen. Doch da war es zu spät.

Uwe Saeger, Haut von Eisen, München, Piper-Verlag, 263 Seiten, 978-3492030878

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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