S. M. Jansen, Marquise de Noire, Zeit für Lust

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Bild: pixabay.com/Bobine

Zeit für Lust erzählt von einer Edelprostituierten, die ihre Job macht – ohne, so recht keine Lust zu empfinden. Und als sie dann lustvolles Lieben lernt, ist sie keine Edelprostituierte mehr; jedenfalls fast nicht mehr. Das Buch ist klasse – ich habe trotzdem ein paar Vorschläge, es noch besser zu machen.

Das Setting

Mit der Geschichte Zeit für Lust wagt sich S. M. Jansen auf ein schlüpfriges Terrain. Sie beschreibt detailliert die Abenteuer einer Liebesdienerin – und die sind drastisch genug. Natürlich muss dann aber zu den drastisch-mechanischen Liebesakten ein moralischer Überbau her; frei nach dem Motto: Es ist nur ein Job, sie vögelt eigentlich nicht so gerne. Täte sie das, wäre sie ja ein frivoles Flittchen. Nein, sie ist eine Geschäftsfrau, die zwei Tatsachen ausnutzt: Das sie gut aussieht und über eine gewisse erotische Begabung verfügt. Und dass die Männer eben doch nur mit dem Schwanz denken. Da hat es Frau leicht, sie zu melken – im Bett und finanziell.

Ganz erquicklich geschrieben

So weit so gut; und kaum überraschend. Bis dahin kann sich die Autorin zugute halten, dass sie ihre Geschichte ganz erquicklich geschrieben hat – schreiben kann sie.
 Was mir bis dahin fehlt: Wir lernen die Männer zu wenig kennen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Ich-Erzählern viel detaillierter schildert, wie sich die Männer zum Obst machen; welche hohen Positionen sie tatsächlich besetzen im wirklichen Leben. Das wäre dann ein netter Spannungsbogen geworden, der uns die Verderbtheit der Machtelite und der Männer gezeigt hätte – hier der Industriemagnat und der Spitzenpolitiker, dort die Edelhure.
 Da hätten wir für die Abgebrühtheit der Liebesdame durchaus Emphase entwickelt. Endlich mal jemand, der die korrupte Schweine an den Pranger stellt. Das deutet die Autorin nur an.

Große Läuterung

Im zweiten Teil der Geschichte kommt dann die große Läuterung – vermittelt durch den Schwanz eines Mannes. Auf einer Party, zu der sie mit einem ihrer Freier geht, lernt sie Bobby kennen; und vögelt nahezu im Handumdrehen mit ihm im Badezimmer.
 Wogen der Lust; klar, einbrechende Dämme des zurückgehaltenen Verlangens etc pp. Sehr schön, sehr drastisch – und durchaus eine spannende Wende in der Geschichte. Das wäre jetzt der perfekte Ausgangspunkt für vieles gewesen: Für einen erotischen Krimi – das feine Pärchen nimmt die korrupte Magnaten aus wie die Weihnachtsgänse; vielleicht einschließlich eines netten, kleinen Mordes.

Ganz große Läuterung

Oder die wirklich ganz große Läuterung: Vögeln für Geld? Nö, ich hab was Besseres.
 Wenig dergleichen passiert – oder vielmehr alles ein bisschen.
 Sie verliebt sie in ihren neuen Freund, erlebt die Lust (nur in wenigen Sätzen erwähnt), lernt Freundschaft kennen; aber ihr neuer Freund ist eben nur ein guter Freund. Nicht viel mehr; vielleicht eine zeitweilige Affäre hin und wieder. Warum, verstehe ich nicht.
 Und ihre Hurerei? Naja, ist nicht mehr so wichtig. Manchmal noch nebenbei, obwohl es ihr vorher nie so recht Spaß gemacht hatte; und obwohl sie es jetzt nicht mehr des Geldes wegen tut. Jetzt arbeitet sie als Designerin.

Ich komme mit der Geschichte nicht zurecht

Ihr merkt schon – ich kann das Basteln an einer Geschichte nicht lassen; wenn sie mir gefällt. Das Ende ist mir etwas zu abrupt und zu wenig logisch.
Dabei gefällt mir das Buch – keine Frage. Es ist interessant, es gut geschrieben, die Heldin ist mir sympathisch. Und der Ausgangspunkt ist vielversprechend. Aber die Autorin hätte sich klar werden müssen, wo die Geschichte hin soll; welche Prämisse (oder auch Moral) sie vermitteln will:

Etwa – für die korrupte Elite ist das mörderische Pärchen die gerechte Strafe;

oder – mit ihrem neuen Lover lernt sie wirkliches Begehren kennen und pfeift auf die schlappen Großkotze;

Das Begehren, die Freundschaft

oder – mit dem neuen Lover lernt sie erst das Begehren, dann aber, dass es dahinter noch die echte Freundschaft gibt; das müste sie aber entwickeln;

oder – sie hat vorher die Männer eiskalt benutzt; jetzt benutzt sie der Lover …

Es gebe unendliche Variationen – wichtig wäre nur, sie aus der Geschichte zu entwickeln. Langsam, geduldig, den Personen so viel Raum gebend, wie sie brauchen. 
Das wäre in mancher der skizzierten Möglichkeiten sicher eher ein Roman denn eine Erzählung geworden. Sei‘s drum, die Autorin kann ja noch mal ran …

Auch die Kurzgeschichte ist möglich

Auch eine Kurzgeschichte ist möglich – wenn sich die Autorin im Wesentlichen auf die eine Szene im Badezimmer beschränkt hätte. Auf der Fete die beiden Männer nebeneinander betrachtet – hier den Freier und seine öde, gekaufte, mopsige Liebe am Nachmittag schildern, die sich vielleicht stundenlang hingezogen hatte. Und auf der Party zeigen, wie wichtig er ist, wie herrisch, welch großes Tier.
 Und dann der Lover …
Da hätte auch die Liebe im Badezimmer vollzogen werden können; mit ungewisse Ausgang, der sich nur kurz andeutet.
 Das wäre dann die Kurzgeschichte aus dem Stoff gewesen.

Mut zum Roman

So aber bricht die Geschichte, die bis dahin schon zu umfangreich für eine Kurzgeschichte ist, unvermittelt ab wie ein Coitus interruptus und lässt mich etwas unbefriedigt zurück. Eben, weil es jetzt den Mut zum Roman bräuchte, um wirklich das zu entwickeln, was sich hier nur, kurz hingeworfen, andeutet.

Schade. Ich kann nur empfehlen: Entweder den Roman daraus zu bauen. Oder den Stoff zur Kurzgeschichte einzudampfen.
Beides würde ich gerne lesen … gut, ich weiß, ich halte schon die Klappe und murkse fröhlich an meinen eigenen Geschichten herum …
Ergreife die Lust

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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