Rodari, Gianni, Das fabelhafte Telefon

Bild: pixabay.com/Watcharapong Hongsaeng

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Wahre Lügengeschichten, meisterhaft erzählt – die gibt uns Gianni Rodari zum Kosten. Und zur anarchischen Freude für uns Leser.

Wahrlügen – mit Rodari

Wahre Lügengeschichten ist ein schöner Untertitel. Und er erinnert mich an ein anderes fabelhaftes Buch: Louis Aragon, Das Wahrlügen. Beiden Büchern ist eines gemein: Sie kommen der Wahrheit sehr nahe – gerade durch ihre Lügengespinste. Viel näher, als wir das zunächst glauben wollen. Weil die Lügen alles über die Wahrheit preisgeben. Sie erlauben einen Blick hinter die Dinge, die Masken, das Aufgeblasensein.

Rodari erzählt einiges über uns

Wenn wir es zulassen, erzählen die Lügen einiges über uns. Wie ein Hofnarr, über den wir erst lachen – ehe wir merken: Das sind ja wir, über die wir lachen. Das fabelhafte Telefon des bekannten italienischen Kinderbuchautors erscheint postum im Wagenbach Verlag. Rodari starb 1980.

Die Rahmenhandlung ist in wenigen Sätzen skizziert: Herr Bianchi, ein Handelreisender, ruft jeden Abend Punkt neun Zu Hause an. Sein Töchterchen wartet schon auf ihn und seine Geschichten. Denn ohne sie kann sie nicht schlafen. Und weil die Entfernungen meist groß sind, und Herr Bianchi die Gebühren aus eigener Tasche zahlen muss, sind die Geschichten kurz. Wohltuend kurz – im Buch meist nur eine Seite lang.

Kurz und stark

Das ist eine ihrer Stärken. Die anderen: In klaren Sätzen entsteht hier eine kindlich anarchische Welt, die unsere Sicht der Dinge auf den Kopf stellt, Autoritäten demontiert, die Herrschaft der Träume verkündet. Während die Wirklichkeit weit weg ist; ein dünner Traum. Doch es dauert nicht lange, und Rodari holt uns, mit einer witzigen Bemerkung, wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Alter Herr auf dem Karussell

Wie etwa in der Geschichte vom Karussell von Cesenatico: ein alter Herr steigt in den Sattel eines der Karussell-Holzpferdchen. Es sieht komisch aus, wie der Herr auf dem Pferdchen hockt, die Füße auf dem Boden abgestellt. Doch kaum geht es los, geschieht ein Wunder: Der alte Herr galoppiert mit dem Pferdchen hoch ins Himmelszelt. Abenteuerlich, was er da erlebt. Danach, als das Karussell wieder hält, sagt sich der alte Herr: Erzähl‘ das bloß niemandem. Die würden dich nur auslachen. Denn Karussellfahren macht schwindelig. Besonders im Alter. Da kommt man leicht ins Fantasieren.

Flug der Fantasie

So sind sie, die 24 Geschichten des fabelhaften Telefons. Ergänzt ist der Band von sieben Geschichten. Ein wenig länger, aber ebenso brillant erzählt. In der Einleitung heißt es, Rodari erzähle in der Tradition von Collodis „Pinocchio“ und Malerbas „Nachdenklichen Hühnern.“

Das stimmt so nicht, denn Collodi versuchte mit dem „Pinocchio“, seinem jungen Publikum die Vorteile des Bravseins einzubleuen. Da ist Malerba schon anders. In seinem „Gestiefelten Pinocchio“ gibt er dem kindlichen Chaos breiten Raum. Und genauso ist Rodari. Ein Erzähler mit kaum gezügelter Lust an Eulenspiegeleien.

Gianni Rodari, Das fabelhafte Telefon, Wahre Lügengeschichten, 128 Seiten, Reihe Salto, Wagenbach Verlag, Berlin, ISBN 978-3803112071

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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