Robert Furgusson schreibt eine misslungene Biografie über Henry Miller

Henry Miller

Bild: pixabay.com/skeeze

Robert Furgussons Henry-Miller-Biografie ist leider das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Über Miller muss man anders schreiben. Oder ihn im Original lesen.

Miller, der Sexteufel

Zugegeben – ein Schriftsteller, der autobiographisch schreibt, sich dabei aber selbst stilisiert, ein Schriftsteller, dem die Lüge wahrhaftiger ist als jede Wahrheit und einer, der so umstritten ist, wie Henry Miller, dürfte schwer in den Griff zu bekommen sein. Dazu bedarf es Geduld und einer großen Liebe zum Objekt der Biographie. Fergusson fehlt ganz offensichtlich beides – der Leser hat geradezu den Eindruck, der Biograf hasst seinen Schriftsteller.
Die Dachrinnen rauf – mit einem Steifen in der Hose
Zudem ist das Buch schlampig erstellt – es reihen sich haarsträubende Spekulationen und wilden Anekdotenreihen aneinander. Etwa so: „Sie fummeln in Schuppen und Kellern an Mädchen herum oder klettern Dachrinnen hinauf, um einen Steifen zu kriegen (…) oder werden von betrunkenen Onkeln mit Rasiermessern in der Hand durch die Strafen gejagt …“.

Henry Miller, ein Anarchist

Was will der Autor damit sagen? Erklären natürlich, wie das Brooklyn war, in dem Miller aufwuchs und warum er ein Anarchist geworden ist und ein Bürgerschreck dazu. Ich meine, das muss natürlich jeder werden, der an Dachrinnen raufklettert, um einen Steifen zu bekommen – und von Onkeln gejagt wird, die offensichtlich auch so etwas Ähnliches haben; aber zumindest bewaffnet sind. Das hält  ja keiner aus, ohne Anarchist zu werden!

Gewagte Spekulationen

Hier werden komplexe Sachverhalte mit zwei lapidaren Sätzen begründet – und atemberaubende Zusammenhänge konstruiert. Und fertig ist die Spekulation.
Oder wie wäre es damit: „Die erfolglose Bewerbung um ein Stipendium der Cornell University war vielleicht (sic!) mit ein Grund für seinen späteren grimmigen und verbissenen Ehrgeiz.“ Vielleicht war sie es aber auch nicht. Vielleicht war eine Dachrinne einfach nur zu hoch gewesen. Das hält ja keine Erektion durch!

War Miller homoerotisch?

Die Biographie gipfelt in Sätze wie „Aber irgendwie erscheint das unwahrscheinlich“ – die Tatsache nämlich, dass Miller jemals homoerotische Erfahrungen gesammelt hat. Aber wieso auch – Miller hatte ja seine Dachrinnen – oder haben wir da was falsch verstanden?

Henry Miller, weder gut noch schlecht

Höhepunkt der Biographie ist Fergusons Satz „Zusammengefasst war Miller ein origineller Mann und weder gut noch schlecht, aber in höchstem Maße er selbst.“ Wau. Das haut mich glatt von der Dachrinne – eine größere Platitüde ist wohl kaum möglich. Immerhin befinden wir uns, als das tiefschürfende Urteil fällt, auf Seite 521 des Buches. Dazu muss man also erst 520 andere schreiben. Donnerwetter. Mein Opa war auch im höchsten Maße er selbst. Und sehr originell. Soviel ich weiß, brauchte er auch keine Dachrinnen für sein Gemächt.

Miller, der Sexteufel II

Vieles wird kaum erwähnt, etwa die Dämonisierung Millers als Sexteufel (die er gerne befördert hat) oder die Rezeption durch die spätere Frauenbewegung. Nur manchmal blitzt so etwas wie Erkennen auf, wenn der Autor Miller durch Paris begleitet oder durch Griechenland.

Es geht auch ohne Biografien

Ich gebe zu, Biographien nicht besonders zu mögen. Da lese ich lieber die Autoren im Original und denke mir mein Teil. Meist ergehen sich die Biografen in zu gewagte Spekulationen über den Autor. Gerade Miller bietet sich zur Original-Lektüre an, weil er immer auch autobiografisch geschrieben hat. Der Leser vermag, Millers verworrenen Lebensweg, seine vielen Romanzen, seine Selbstzweifel und seine kindliche Begeisterung nachzuvollziehen. Millers Biographie zu schreiben, ist überflüssig – sie so schlecht zu schreiben, ist unverschämt.
Fergusons Arbeit überzeugt leider nicht.

Robert Furgusson, Henry Miller, Ein Leben ohne Tabu, Kindler Verlag, 544 Seiten.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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