Ponti, Claude: Die grosse Stille unter dem Schnee

Ponti

Bild: pixabay.com/LoggaWiggler

Frankreich in den frühen 60er-Jahren: Unter der Firnis eines gnadenlosen Moralkodexes lauert die Schuld. Ein großartiges, beklemmendes Buch über Kindheit. Ponti lässt die trügerische Idylle explodieren.

Geschichte ist dehnbar

Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur Deutschlands Gesellschaft zerrissen. Auch Frankreich kannte Opfer, Täter, Mitläufer, Denunzianten und die Résistance. Nur wollte in der Grande Nation von französischer Schuld niemand etwas hören. Im Nachbarland dauerte es länger als bei uns, bis die Fakten durch den geschichtlichen Nebel drangen.

Pontis eindringliche Momentaufnahme

Claude Ponti, dem Kinderbuchautor, gelingt mit seinem Erstlingsroman eine eindringliche Momentaufnahme französischer Provinz Anfang der 60er Jahre. Geschrieben in einer eindrucksvollen Sprache; die nur manchmal zu poetisch für den jungen Mann gerät, den er als Erzähler konstruiert. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Hercule, der junge Erzähler und sein engster Freund Laclope spinnen sich ihre eigene Welt zurecht. Als Blaufußindianer, die sie sein wollen, existiert für sie ein strenger Sittenkodex. Und der hebt sich auffallend von der verlotterten Moral der Außenwelt ab.

Die Väter in Pontis Buch hassen ihre Kinder

Väter, die ihre Sprösslinge hassen und tyrannisieren, Lehrer, die von Gott reden, aber bei der kleinsten Kleinigkeit erbarmungslos strafen. Eine harte Kindheit. Allmählich wird klar: Unter der Firnis eines gnadenlosen Moralkodexes lauert die Schuld. Doch die kommt zufällig zu Tage, fast schon spielerisch. Denn die beiden Blaufußindianer rächen sich an ihrem Lehrer Lalumière (das Licht), wie der sich albernerweise nennt.

Rache für die Grausamkeit des Lehrers

Sie rächen sich für seine Grausamkeit. Sie jagen ihm das Auto in die Luft. Mit dieser Explosion bringen sie den Damm zum Einstürzen, der Vergangenes zurückhielt. Der Lehrer ist verwandt mit einem verschwundenen Denunzianten aus dem Weltkrieg; und jeder denkt, die Explosion war die Rache für dessen Untaten; und für die Schuld des Dorfes.

Ponti lässt die trügerische Idylle explodieren

Die Ereignisse überschlagen sich. Die trügerische Idylle zerbricht. Und wir ahnen, dass der rigide und mit strengen Strafen hergestellte Alltag etwas mit der Schuld der Dorfbewohner zu tun hat. Entlarvend etwa Hercules Vater, der immer wieder betont, er sei unschuldig. Vielleicht ist er das doch nicht; vielleicht ist die Ablehnung seinem Sohn gegenüber gerade deshalb so stark, weil er sich insgeheim schuldig fühlt und meint, er sei als Vater und Mensch zu schlecht für seinen Sohn. Da er aber die Schuld nicht zugeben will, projiziert er alles Schlechte in Hercule und lehnt ihn als Bastard ab.

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Ein berührendes Buch über die Kindheit

Einmal, am Schluss des Buches, nach einem wilden Volksfest, in dessen Verlauf die Vergangenheit über die Dörfler hereinbricht, sagt der besoffene Vater zu einem Sohn, den er offensichtlich nicht erkennt, so einen wie ihn hätte er gerne zum Sohn gehabt. Ponti schrieb ein berührendes Buch über eine lieblose Kindheit; von der wir hoffen, dass es nicht seine war. Eine beklemmend schöne Geschichte.

Claude Ponti, Die große Stille unter dem Schnee, Piper Verlag, München und Zürich, 1997, 224 Seiten, ISBN-10: 3492038743, ISBN-13: 978-3492038744.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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