Peter Zimmermann, Die Nacht hinter den Wäldern – ein Roman über den Antisemitismus

Antisemitismus

Bild: pixabay.com/Unsplash

In seinem Roman Die Nacht hinter den Wäldern verschenkt Peter Zimmermann leider einen großen Stoff. Manche seiner Figuren sind zu holzschnittartig. Das Thema aber ist wichtig – und wird immer wichtiger …

Kalte Zeit

Antisemitismus schleicht sich ein. In Polna, einem verschlafenen Landstrich zwischen Prag und Brünn, wird am 1. April 1899 eine junge Frau ermordet. Die national gesinnte, also die offizielle Presse, macht einen Ritualmord daraus, und den Juden Leopold Hilsner (22) dafür verantwortlich. Die Hetze nimmt groteske Züge an. Und obwohl die Schuld des Leopold Hilsner nie erwiesen wurde, verurteilt ihn das Gericht.

Aktenkundige Geschichte

Hier haben wir eine aktenkundige Geschichte, wie sie hundertfach in Europa geschah. Im ausgehenden 19. Jahrhundert bliesen national gesinnte Kreise mächtig in die Glut des auflodernden Antisemitismus. Eine Generation später war die Feuersbrunst der Nazis da.

Antisemitismus wird höffähig

Zimmermann zeigt in seiner parabolischen Geschichte, wie tief der Antisemitismus im Kleinbürgertum Europas verwurzelt war. Und selbst in Kreisen, die sich nicht als rechts bezeichnet hätten, war er hoffähig. Das weist durchaus Parallelen zur europäischen Ausländerfeindlichkeit der Gegenwart auf. Deshalb ist Zimmermanns Buch hoch aktuell.

In Zimmermanns Roman verwischen die Grenzen

Im Roman verwischen zunehmend die Grenzen zwischen Erzähler, Figuren der Geschichte und Leser – und zwischen Gestern und Heute. Das ist gut so, weil die Geschichte an Spannung gewinnt. Missfallen hat uns jedoch, dass der 40-jährige ORF-Redakteur Zimmermann manche Figuren etwas zu holzschnittartig anlegt. Das kleine Arschloch Husek etwa, das als Journalist maßgeblich an der Judenhetze mit strickt, das immer wieder Öl ins Feuer der Volksempörung gießt: es meuchelt brutal unschuldige Fliegen. So will es der Autor – doch das ist reichlich platt. Das Perfide am späteren Nationalsozialismus war ja gerade, dass er auf den Schultern unzähliger gefühliger Familienväter ruhte. Die nie auf die Idee gekommen wären, einer Kreatur willentlich etwas zu Leide zu tun. Der Deutsche und sein Schäferhund – sie sind ein berüchtigtes Paar.

Menschen ermorden, weil es die Führung befahl

Und die gleichen Menschen ermordeten – auf Befehl oder nicht – Juden, Partisanen, Schwule, Zigeuner. Nur, weil es der Führung so gefiel, die solche brutales Tun ideologisch guthieß.

Ein amerikanischer Schriftsteller drückte das einmal so aus: „Die Deutschen sind ein sentimentales Volk von Musik- und Kunstliebhabern. Äußerst gemütlich. Nur ab und zu werden sie zu Bestien und fallen blutrünstig über ihre Nachbarn her.“ Für die Österreicher gilt Ähnliches. Dieser Aspekt menschlicher Antithese fehlt völlig in Zimmermanns Buch. Niemand ist nur böse – und gerade die Gefühlsduselei auf anderen Ebenen machen doch mitlaufende Mörder so schauderhaft. Holzschnitte wie Husek andererseits sind arg schwarzweiß geraten – und solche Figuren zerstören leider einen an sich guten Roman.



Peter Zimmermann, Die Nacht hinter den Wäldern, Roman, Deuticke Verlag, Wien, 301 Seiten, ISBN-10: 3216305252, ISBN-13: 978-3216305251.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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