Osswalds Kosmos: Rauchen – Satire

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Bild: pixabay.com/bykst

Rauchen macht doof? Vielleicht. Die Osswald erleben aber mit Rauchern ihr blaues Wunder.

Sie hatten beide Väter gehabt, die rauchten. Nicht schön. Osswalds Eltern rauchten, wo sie gingen und standen. Im Wohnzimmer, am Esszimmertisch beim Kartenspielen mit den Kindern, im Auto auf der langen Fahrt zur Oma – auch mit den Kindern. Kein Wunder, dass Oswald und seine Schwester reichlich verblödet sind, wie Frau Osswald findet – denn Rauchen macht die Birne weich, Madame. Osswald ließ bei solchen Gelegenheiten unerwähnt, dass auch der Vater seiner Gattin rauchte wie ein Schlot. Um schließlich an einem tödlichen Lungenkarzinom zu verscheiden.

Er, Osswald, baute dann noch eine bedeutungslose Episode von 21 Jahren als hingebungsvoller Vielraucher ein, eher er trocken wurde. Sein Rauchen endete ein Jahr vor ihrer Hochzeit, also gerade rechtzeitig.

Abscheu gegen Raucher

Jetzt verbindet die Osswalds eine heftige Abscheu gegen alle Raucher; zumindest gegen ihre so unnötige wie übelriechende Angewohnheit.

Und dann das. Die beiden missratenen Müller-Söhne zwei Stockwerke über ihnen. Der eine schielt vor Blödheit (weil er zu seiner einfach strukturierten Natur, wie Frau Osswald findet, auch noch raucht), sein Bruder hat aus dem gleichen Grund ein paar Muskeln zu viel ausgebildet. Auch er – ein Raucher.

Kippen, Kippen, Kippen

Auf dem Gehweg: Kippen. Im Flur: Kippen. Im Keller: Kippen. Und leere Wodkaflaschen. Die beiden missratenen Söhne erzählen ihren Eltern, die Russen aus dem vierten Stock hinterließen diese Spuren. Ansonsten gehen die Söhne keiner geregelten Arbeit nach und liegen den armen Eltern auf der Tasche. Mutter Müller geht putzen, Vater Müller fährt abends, nach seinem Fabrikjob, noch Taxi. Nicht schön.

Erst schließen die Eltern Wodka und Zigaretten in ihren Einbauschrank im Flur ein. Aber der schielende junge Mann leiht sich – ganz höflich – von Osswalds den Schlüssel seines Einbauschranks im Flur; bei der Wohnbau passt alles überall. Die Osswalds hören eine abenteuerliche Geschichte über ein Buch, das in dem Einbauschrank liegt und das er lesen will. Ein Buch.

Können die lesen?

„Ich glaube kaum, dass einer von denen lesen kann“, sagt Frau Osswald trocken. Zwei Minuten später ist der Schlüssel zurück, das selige Grinsen des jungen Lesers spricht Bände. So beseelt kann man wirklich nur von Literatur sein. Wenn auch ein Hauch Wodka im Hausflur wabert.

Es dauert noch eine halbe Stunde, ein Buch will genossen sein, die Osswalds frönen ihrer Kaffeestunde auf dem Wohnzimmersofa, da beginnt der wilde Wein neben ihrem großen Wohnzimmerfenster wild zu wackeln. Erst steigt das Muskelpaket über das Pflanzengitter an ihrem Fenster vorbei, stellt sich auf ihre Terrasse mit dem Rücken zu ihrem Fenster, holt eine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, zündet sich eine an und raucht hingebungsvoll. Dann sein dürrer, schielender Bruder.

„Äh“, sagt Osswald.
„Aber das ist doch!“, sagt Frau Osswald. „Osswald!“

Der Herr des Hauses (hüstel) steht auf und öffnet die Terrassentüre: „Guten Tag, die Herren. Fühlen Sie sich wohl auf unserer Terrasse?“

Mit qualmenden Zigaretten

Das Muskelpaket dreht sich halb um und verbeugt sich leicht: „Durchaus, durchaus. Und danke für die Gastfreundschaft. Herr Professor.“ Die beiden folgen ihren qualmenden Zigaretten ins Wohnzimmer. Dort verbeugt sich das Muskelpaket vor Frau Osswald im Sofa: „Wir haben von der Wohnbau den Auftrag, die Fluchtwege in diesem Haus zu testen.“

„Mit qualmenden Zigaretten. In unserer Wohnung!“

„Ja, gnä Frau, so realistisch wie möglich. Im Augenblick der Gefahr kann man sich nicht erst minutenlang damit beschäftigen, wohin man seine angerauchten Zigaretten legen soll. Die nimmt man einfach mit. Quasi, um sie zu retten.“

„Außerdem hat Böll auch geraucht“, sagt der Dürre.

„Böll?“, fragt Frau Osswald verblüfft.

„Ja, ein deutscher Schriftsteller.“ Der schielende Dürre wedelt stumm mit einem Taschenbuch vor ihren Augen herum.

„Ich weiß, wer Böll war. Dass Sie ihn aber kennen …“ Frau Osswald ist bedient. Sie sitzt im Sofa und schielt empört. Osswald selbst bleibt nur noch, den beiden Fassadenkletterern durchs Wohnzimmer in den Flur zu folgen. Verbunden mit der dringlichen Bitte, künftig solche Kletterpartien an ihrer Hauswand zu unterlassen.

Da dreht sich das Muskelpaket um: „Alles klar, wir verständigen die Wohnbau, dass Sie keine Notfallübungen an Ihrer Wohnung mehr wünschen.“ Und der Dürre, Schielende, sagt: „Ach, übrigens, Professor, meinen Sie, man kommt Böll mit der hermeneutischen Methode ausreichend bei? Um ihn zu analysieren?“

Kommst du, Doktor Müller?

„Äh, Ka, Ka, Ka?“

„Nein, nicht Katharina Blum. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.“ Der Schielende wedelt mit einem Taschenbuch vor Osswalds Augen.

„Äh, na … na … natürlich, äh.“

„Das beruhigt mich, Professor. Dann können wir jetzt weiterarbeiten, nachdem wir unseren Test für die Wohnbau erledigt haben.“

„Kommst du, Doktor Müller?“ fragt ihn sein Muskelbruder von der Wohnungstüre her.

„Ja, ja“, sagt der Schielende und gleitet ins Treppenhaus.

Lichtblau

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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