Osswalds Kosmos: Wenn der Arzt das Rauchen verordnet

Rauchen Sie?

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Schandtaten holen uns immer ein – und wenn es in unseren Träumen ist. Das muss Osswald leidvoll erfahren. Und dann wird es wild … Satire.

„Wusstest du, dass Rauchen Halluzinationen hervorrufen kann?“, fragt Frau Osswald ihren Gatten am Frühstückstisch.

„Geschieht den Rauchern ganz recht“, sagt Osswald.

„Halluzinationen können Langzeitschäden sein. Vom Rauchen“, beharrt die Gattin und schaut ihr Ehegespons über die Lesebrille hinweg durchdringend an. Osswald wird ein wenig blümerant. Schließlich rauchte er lange und hart.

Und in der folgenden Nacht träumt er von den alten Deutschmanns.

Ein schlechter Traum

Ein schlechter Traum ist das, denn Osswald hatte die alten Leutchen arg gemartert. Mit seiner Tabakspfeife. Seine Maklerin hatte den Deutschmanns sofort unter die Nase gerieben, dass Osswald Nichtraucher sei – denn darauf hatten sie Wert gelegt. Nur war Osswald noch lange nicht über dem Berg, und erlitt drei Wochen nach dem Einzug in der Souterrain-Wohnung einen nikotinschwangeren Rückfall. Die armen Deutschmanns husteten sich in der Wohnung darüber die Lungen aus den Hälsen, während Osswald immer tiefer in seine Souterrain-Wohnung kroch und schließlich nur noch unter der laufenden Dunstabzugshaube in der Küche sein Pfeiflein schnorchelte.

Es half nichts. Am Ende saß der alte Deutschmann mit eingezogenen Schultern in seinem Garten vor Osswalds Terrasse und hackte mit einem blitzenden Beil in seinen Zierrasen; während Osswald an seinem Schreibtisch saß und durch die großen Fensterscheiben zusah.

Zwei Anwälte raufen

Noch ein wenig später hatten zwei Anwälte ihre liebe Mühe, das Mietverhältnis ohne Blutvergießen zu beenden.

Und jetzt hockte der alte Deutschmann im Traum in Osswalds Wohnzimmer und feixte sabbelnd vor sich hin. Sein kahler Schädel mit den wenigen, weißen Haaren sah aus wie der eines gerupften Geiers. In seinem Mundwinkel qualmte ein Stumpen, während der alte Mann mit dem Beil Löcher in den Teppich hieb. Seine verstorbene Frau hatte der olle Deutschmann in der Urne dabei, die auf Osswalds Couchtisch stand. Zu allem servierte Frau Osswald Kaffee und Kuchen, aus dem Radio erscholl der Radetzkymarsch. Am Ende der Traumsequenz kamen zwei große, starke Weißkittel und führten den alten Deutschmann aus Osswalds Haus. „Komm, Deutschi, es reicht“, sagte einer.

Osswald wachte schweißgebadet auf. Die Deutschmanns. Ihre Rache war in der Tat fürchterlich.

Wild und wenig tonsicher

Kurz darauf zogen ihre Nachbarn ins Reihenhaus neben ihnen. Eine ganze Zeitlang hatten sie es geschafft, die Immobilie eigentümerfrei zu halten. Just bei Besichtigungen legten die Söhne los und übten in verschiedenen Winkeln des Osswaldschen Hauses Klavier und Trompete. Schmetternd, wild und nicht sehr tonsicher. Und natürlich immer verschiedene Musikstücke zur gleichen Zeit. Was halt grad so anfiel. Das half gegen sensible ältere Herrschaften, die von den Hügeln um die Stadt in die Ebene ziehen wollten – nicht aber gegen deutschstämmige Zuwanderer aus Togo. Das Deutschstämmig sah man ihrem dunklen Teint allerdings nicht an.

Vater Waldemar stand schon um 5 Uhr in der Früh vor seiner Haustüre und rauchte. Es zog bis in Osswalds oberes Fenster. Nicht alleine Tabak. Eher Machorka, versetzt mit fauligem Seegras und geraspelten Fußnägeln. Später am Tag machte sich Waldemar auf die Reise; mit seiner Securitate-Ledermütze und ganz kleinen, trippelnden Schritten. Damit zog er um den halben Block und wieder zurück und rauchte dabei unzählige Zigaretten.

Schmeckt das denn? Rauchen verordnet …

Am nächsten Tag stand Waldemar wieder vor der eigenen Haustüre und qualmte.

„Na, schmeckt’s?“, fragte Osswald, als er vorbeiging.

„Wassis?“, fragte Waldemar.

„Ob die Zigarette schmeckt?“

„Ah, Zigarette. Nein, nix schmecken. Nein.“

„Aha.“ Osswald war verblüfft.

„Medizin. Iss Medizin. Hat Dokter verschriebn. Mussich rauchn. Nix schmecken.“

Da ging die Haustüre auf, der Sohn erschien, grüßte Osswald und sagte zu seinem Vater: „Vater, komm jetzt. Es reicht.“

Wer raucht hier freiwillig?

Waldemar grinste für eine Sekunde versonnen, zog noch einmal an seiner stinkigen Medizin, ertränkte die Zigarette in einem verschraubbaren Marmeladenglas, gefüllt mit brauner Nikotinbrühe, feixte zu Osswald hin und trippelte ins Haus.

Das hätte mir bei den Deutschmanns einfallen müssen, dachte Osswald. Zu den riesigen Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage und erschlagen Sie Ihren Arzt und Apotheker.

Nachdem Waldemar und Sohn in deren Haus verschwunden waren, ging die Türe noch einmal auf. Deutschmann. Er war gekleidet mit einem schwarzen Anzug, worauf ein weißes Skelett gemalt war.

„Rauchen Sie?“, fragte er und bot Osswald dicke schwarze Zigarren an, die er Osswald in einem Kästchen hinhielt. Osswald schloss die Augen. Nachdem er sie geöffnet hatte, war Deutschmann verschwunden.

Warum ich? Warum Halluzinationen? fragte sich Osswald. Was habe ich denn schon geraucht!

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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