Osswalds Kosmos, Zigaretten und warmer Fleischkäse – Satire

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Foto: pixabay.com/avantrend

Egal, wohin Osswald kommt – immer ist eine Dame vor ihm an der Reihe; und was für eine …

Hier bekommen Träume Nahrung. Du legst eine Handvoll Euro auf den Tresen, und darfst dafür ein paar Tage lang träumen – vom großen Glück, das dich heimsucht, wenn du im Lotto ein paar Millionen gewinnst. Aber die alte Dame interessiert sich nicht mehr für das Glück. Sie mummelt sich in ihren grauen Wollmantel und schiebt sich leise ächzend am Rollator voran, bis sie den Tresen erreicht hat.

„Ach, ich dachte schon, Sie kommen gar nicht mehr, Frau Ziegler“, sagt der Betreiber der Lotto- und Tabakwarenecke im größten Kaufhaus der Stadt. Dann bückt er sich und kramt hörbar in einer Schublade.

„So“, sagt er, als er sich wieder aufgerichtet hat, und legt sieben hellblaue Päckchen auf den Tresen, „das reicht für eine Woche.“ Es sind sieben Päckchen Gauloises ohne Filter.

 Ich habe noch meine Stumpen

„Nicht ganz“, antwortet Frau Ziegler gelassen und kramt in ihrer Handtasche, „aber ich habe ja noch meine Stumpen.“ Sie hält dem Zigarettenmann zwei Zwanziger hin, er öffnet die Kasse und legt das Wechselgeld auf den Tresen. Sie verstaut ihre sieben Schachteln Gauloises im Netz des Rollators, greift zum Wechselgeld und ruft dem Verkäufer zu, der längst schon wieder einen anderen Kunden bearbeitet: „Herr Kreuzhage, Sie haben mir einen Euro zu wenig rausgegeben.“

„Ach, wirklich“, antwortet Herr Kreuzhage, „hm. Schon möglich, ich bin heute etwas durcheinander.“ Er legt Frau Ziegler einen Euro auf den Tresen. Die alte Dame beachtet ihn nicht weiter, sondern fummelt so lange an ihrem Rollatornetz herum, bis ihr Knirps herunterfällt. Der junge Mann neben ihr, der bisher geduldig wartete, bis er seinen Lottoschein abgeben darf, hebt ihn auf.

Den Euro vergessen

„Oh, vielen Dank“, sagt Frau Ziegler, steckt den Knirps ins Netz und rollert los.

„Halt, Frau Ziegler, Ihr Euro!“, ruft ihr Herr Kreuzhage hinterher. „Erst kämpfen Sie um ihren Euro, dann lassen Sie ihn liegen.“

„Ich bin heute etwas durcheinander“, antwortet Frau Ziegler, rollt zum Tresen und schnappt sich den Euro.

Osswald wird  noch etwas aufgehalten. Als er beim Metzgergeschäft ankomme, sieht er Frau Ziegler gerade durch die Türe rollen. Er stellt sich hinter sie. Ihm schwant Übles.

„Guten Tag, Frau Ziegler. Wie immer?“

Viel Arbeit mit dem Fleischkäse

„Wie immer“, bestätigt die alte Dame. Und dann hat die Bedienung richtig viel Arbeit. Brötchen aufschneiden, warmen Fleischkäse abschneiden, Serviette halb rum, das alles in Alufolie verpacken. Sieben Mal. Schließlich alles in eine Tüte. Frau Ziegler hängt die Tüte an den Griff ihres Rollator, zahlt, diesmal ohne Geplänkel um den einen Euro, den sie rausbekommt oder nicht, „bis morgen dann“, sagt die Bedienung, Frau Ziegler  rollt los – und stoppt unvermittelt. Sie drängt sich an Osswald vorbei erneut an den Tresen: „Da fällt mir ein, mein Sohn kommt heute zum Mittagessen. Bitte dasselbe noch einmal.“ Danach ist der warme Fleischkäse alle, und Osswald verlässt weinend den Metzgerladen.

Lichtblau

Frische Satire

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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