Bild: pixabay.com/OpenClipart-Vectors

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Huch, ist schon wieder Weihnachten? Müssen wir jetzt schenken? Oder kommen wir heuer mal drumherum? Die Osswalds haben so ihre Erfahrungen gemacht … Satire

Weihnachten und Osswald – das ist eine spezielle Geschichte. Spätestens, seit er, kaum 23 Jahre alt, an Weihnachten das alte Fräulein Hebestein tötete, hat er eine gespaltene Beziehung zum Fest. Dabei hatte er sie nicht töten wollen, er kannte sie nicht einmal. Alles, was er tat, war, in der Weihnachtskrippe im Wohnzimmer einer befreundeten Familie ein Holzschaf auf das Hinterteil eines anderen zu bocken – so, als bemühten sich die beiden darum, ein weiteres Holzschaf zu produzieren.

Fräulein Hebestein war, so lange man sie kannte, immer in Schwarz gegangen. Wahrscheinlich trug sie schon als Baby schwarze Kleidung. Sie mochte damals, als sich die beiden Holzschafe in innig licher Zuneigung fanden, 89 Jahre alt gewesen sein. Und das Fräulein war, ebenso lange, wie sie in Schwarz ging, eine glühende Katholikin gewesen. Sie war die zuverlässigste Quelle des Pfarrers, wenn es um die Verfehlungen seiner Schäfchen ging. Fräulein Hebestein schien in jeden Weinkeller und jedes Schlafzimmer kriechen zu können – so wusste alles. Wer mit wem. Wer ohne wen. Entsprechend beliebt war sie.

Auf der Ledercouch knutschen

Jung-Osswald kannte Fräulein Hebestein kaum. Vom Sehen natürlich, und irgendwann hatte seine Mutter auch etwas über das Fräulein erzählt. Aber Jung-Osswald hatte wieder mal nicht zugehört – wahrscheinlich ist das aber für den weiteren Verlauf unserer Geschichte belanglos. Man muss dem jungen Mann zugute halten, dass er damals in schlechte Kreise geraten war: Lehramtsstudenten, Krankenschwestern, Fabrikantensöhne. Sie tranken alle ein wenig zu viel und taten unsinniges Zeug. So kam Jung-Osswald die ausladende Weihnachtskrippe im Wohnzimmer des größten Fabrikanten am Ort gerade recht. Während die Krankenschwestern mit den Fabrikantensöhnen auf der Ledercouch knutschten und der Lehramtsstudent La Paloma auf einem zahnlosen Kamm blies,  stellte Jung-Osswald ungesehen die Holzschafe in die Empfängnis-Position.

Mit dem katholischen Chor

Wer’s dann sah, war anderntags Fräulein Hebestein, die mit dem katholischen Liederkranz Frisch Auf Cäcilia im Wohnzimmer des Fabrikanten singen ließ, während sie dirigierte. Sie sah den teuflischen Frevel in der heiligen Krippe, das sexualisierte Biest, das sich erhob, um die heilige Familie mit seinem Unflat zu beschmutzen. Das Fräulein spürte ein Stechen in der Brust, versuchte Halt zu finden am Weihnachtsbaum, riss ihn um, versuchte, Halt zu finden an der Weihnachtskrippe, riss sie um und schaffte es noch, unter beiden zum Liegen zu kommen.

Ein Herzinfarkt, diagnostizierte der Arzt, und keiner wusste, warum. Es war doch sonst so fidel, das Fräulein.

Kein Wunder, dass Osswald seither bei Weihnachten ein mulmiges Gefühl bekommt, nicht nur wegen des Konsumrausches. Volle Städte, Massen von Menschen, die hetzen, drängeln, rempeln, einen fast umrennen – weil sie unterwegs sind, um zu kaufen. Das ist schlimm genug. Schlimmer ist das Bild, des überaus katholischen Fräuleins Hebestein, das für Osswald über allem schwebte.

An Weihnachten nix schenken

Schauderhaft. Das bringt Osswald auf eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir uns endlich mal nichts zu Weihnachten schenken?“, fragt er sein Weib.

„Wer? Wem?“

„Wir. Allen.“

„Neiiiiiin!“, begehrte seine Frau auf, „erinnere dich.“

Das tat Osswald dann auch. Es war alles schon einmal da. Es war alles furchtbar kompliziert, wie die Osswalds erfuhren. Ihre Familie liegt seitdem in Trümmern. Alles begann kurz nach Osswalds Hochzeit. Seine Frau stellte frustriert fest: »Ihr habt ja gar keine Geschenkkultur! Da bekommt man jedes Mal einen Käse geschenkt, unmöglich!« Osswalds Frau war schon immer sehr klar in ihren Ansichten und deutlich in ihrer Ansprache. Sie ist nicht von hier. Und weil Osswalds Frau lieber nichts bekommen wollte an Geschenken als unsinnigen Tand, beschlossen sie: Die Familie schenkt sich nichts mehr. Hätten sie’s nur gelassen.
Osswalds Mutter freute sich – angeblich – unbändig für den Beschluss: „Das wollte ich schon seit Jahren. Vielen Dank!“ In Wahrheit aber war sie entsetzt. Nichts. Schenken. An. Weihnachten! Sie gab es aber niemals zu. Osswalds Schwester lag ihm in langen, konspirativen Telefongesprächen in den Ohren: »Was hat denn deine Frau gegen mich?« »Nix«, versicherte ihr Bruder. Aber das glaubt Osswalds Schwesterchen bis heute nicht, die beiden Frauen meiden jeden überflüssigen Kontakt. Das Nicht-Schenken hielt genau ein Jahr. Dann fing der erste wieder an mit einer »ganz klitzekleinen Aufmerksamkeit, eigentlich ein Nichts«.

Ein Geschenk geht, ein Geschenk kommt

Schließlich kapitulierten auch die Osswalds. Und schenkten. Nur, um wieder das zu erleben, was sie schon zur Genüge kannten: Sie schenkten der Mutter ein Paket zum Fest, nach drei Jahren kam es zurück. Wie Osswald und sein Weib an dem Aufkleber auf dem Geschenkpapier sahen, war ihr Präsent inzwischen von der Mutter an die Schwester gegangen und von der im folgenden Jahr wieder der Mutter zurückgeschenkt worden. »Da wirste doch verrückt!« sagte Osswalds Frau.
»Können wir eigentlich den Eierlikör noch trinken, den du vor drei Jahren für meine Mutter gemacht hast und der heuer von meiner Schwester kam?«, wollte Osswald wissen.
»Um Gottes Willen!«
Und die Mutter? Muss wohl im geschenklosen Jahr eine leichte Delle davongetragen haben. Sie schenkt seitdem den Kindern der Osswalds jedes Jahr dasselbe: Lego- und Duplokästen in allen Variationen. Die einen für Kinder 1+, die anderen für 3+. So alt waren Atlas und Distel vor 15 Jahren, als das Geschenkedrama begann.
Tja, Osswald zieht sich in seine Werkstatt zurück. Vielleicht ist er an der verrohten Geschenkkultur in seiner Familie schuld. Das war die Rache des Fräulein Hebestein. Sicher.

Krüger

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