Osswalds Kosmos: Turgenjew und der Regen – Satire

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Bild: pixabay.com/MrTommy

Manchmal zeigt schon das Wetter, wohin bei unserer Stimmung die Reise geht. Wenn’s nur noch regnet, ist die schlechte Laune nicht weit. Aber Osswald kommt zurück aus seinem Tief – und wie!

Es war ein Tag gewesen, von dem Frau Osswald später sagen würde, selbst Osswald hatte ihn nicht zerstören können. Einfach nur schön. Dabei begleitete sie dieser unaufhörliche Regen, wohin immer sie gingen. Doch Osswald wollte den Tag gar nicht zerstören, er genoss seine Traurigkeit, die sich sanft in den Regen hüllte. Frau Osswald hatte sich auf die Reise in die Vergangenheit aufgemacht und Baden-Baden besucht und ihren Mann dazu mitgenommen. Und dieser Regen gehörte wie selbstverständlich dazu. Er machte traurig auf beschwingte Art.

Gustav Knuts Serie

Die Vergangenheit war die einer Fernsehserie: „Alle meine Tiere“ mit Gustav Knut. Sie suchten die Orte auf, die eine Rolle spielten in der Serie, den Tennisclub TC 1881, die Molkenkur, und Osswald lernte, wie die Räume in den 60ern ausgesehen hatten, wie der Ausblick aus welchem Fenster war. Frau Osswald ist eine gründliche Rechercheurin und sie erzählte ihrem Mann noch vieles mehr.

Später saßen sie im runden Café des Tennisheimes, und die reichen, reifen Damen am Nachbartisch ließen die Zungenspitzen in den Mundwinkeln blitzen und boten ihr mürbes Fleisch Osswalds Blicken dar. Und zu all dem sang unablässig der Regen sein Lied, rann an den Fensterscheiben hinab, zerbarst im Laub. Es schien, als könne sich Osswald nie wieder aus der tiefen Traurigkeit befreien.

Keine Depressionen mehr

Osswald machte das noch trauriger als er sonst schon war. Aber es war in Ordnung, er hatte wenigstens keine Depressionen mehr, ein halbes Jahr vorher wäre er beinahe daran gestorben. Der Regen war das kleinere Übel.

Osswald ist nicht mehr traurig

Ein paar Tage später kam Frau Osswald auf die Fahrt zu sprechen. Osswalds Traurigkeit war mittlerweile verflogen.

„Stell dir vor“, sagte sie zu ihrem Mann, „die Villa Turgenjew muss ein Vermögen gekostet haben. Du erinnerst dich an sie?“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Turgenjew konnte sich gerade leisten, die Villa bauen zu lassen, mit Hilfe seiner Freunde. Und er war wirklich reich. Aber danach ging ihm das Geld aus.“

„Da hat er sich wohl verschätzt“, sagte Oswald, „aber Schriftsteller können nun mal nicht rechnen.“

„Die Inneneinrichtung hat ihm der Nachbar spendiert.“

„Das war aber großzügig.“

„Und dumm. Später hatte Turgenjew ein Verhältnis mit der Frau seines Nachbarn.“

Wer zum Teufel war Turgenjew?

„Deshalb Schuld und Sühne.“

„Das Buch stammt von Dostojewski“, sagte Frau Osswald kalt.

„Äh, hehe, klar. Väter und Schuld meine ich.“

„Väter und was?“

„Äh, Söhne. Väter und Söhne war das. Ist ja vom Thema her dasselbe. Wahrscheinlich hatte Turgenjew mit seinem Nachbarn einen gemeinsamen Sohn, äh, mit der Nachbarin. Und das ist dann Schuld und Sühne. Außerdem fangen sie beide ja mit „D“ an.“

„Wer fängt mit „D“ an?“

„Dostojewski und Durgenjew.“

„Osswald, du schwafelst. Außerdem dachte ich immer, du hast Deutsch studiert.“

„Deutsch ja, aber kein Russisch.“

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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