Osswalds Kosmos: So schön bunt – Satire

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Bild: pixabay.com/DrSJS

Die Osswalds haben schwer zu tun. Das neue Haus will verputzt und gestrichen werden. Doch Farbe entwickelt manchmal ein Eigenleben.

 Grau. Alles grau. Der Boden. Die Wände. Die Luft. Alles ist auch Beton, sogar in der Luft tanzt sein Abrieb. Oswald kann den Beton auf der Zunge schmecken. Wenn er die Zahnreihen schließt, knirscht es. Osswald hätte sich das Innere seines Hauses nie so grau vorgestellt. Aber sie hatten den Innenausbau übernommen. Und zu dem ganzen grauen Betonhaus kam sein Grauen vor dem Haus. Er sah sich pleite gehen.

Frau Osswald war trotz der vielen Arbeit ausgelassen und fröhlich, sie hatte ihr Lebensziel erreicht: “Kein Trübsal blasen! Immer schön positiiiiv bleiben!” Sie gab ihm ein Küsschen auf die grauen Betonwange: “Lasss uns Farbe ins Haus bringen. Da sieht die Welt schon ganz anders aus.”

Der große Moment – die Farbe im Flur

Dann kam der große Moment, die Farbe sollte in den Flur. Richtiger Putz mit dauerhafter Farbe. Eine Farbe, die dezent und doch aussagekräftig ist. Eine Farbe, die natürlich Frau Osswald, ie Frohnatur, ausgesucht hat. Pfirsich-Mango. Osswald hatte sich im Baumarkt für die Regenbogenfarbe stark gemacht, aber nur abfälliges Zischen von seiner Holden geerbt. Das war dann doch zu psychedelisch. Sie hatte sich die Unterstützung des Verkäufers im Baumarkt geholt, der einen Stegreifvortrag hielt über die wohltuende Wirkung gedeckter Farben, vor allem, wenn sie aus dem Tierreich, äh Pflanzenreich stammten. Die Farben natürlich.
Da war sie wieder, Frau Osswalds unbegreifliche Wirkung auf Männer – die sich privat nie Gefahr ausgesetzt hätten, eine solche Frau zu heiraten, weil sie wussten, dass ihr zaghafter Widerstand sehr bald zusammenbrechen würde. Aber vor dem eigenen Zusammenbruch verschont, waren die fremden Männer glühende Anhänger von jeder der Thesen seiner Frau. Und Osswald stand wie ein Depp daneben. Noch dazu ein widerborstiger Depp, der seiner Frau, einer solchen Frau wohlgemerkt, zu widersprechen wagte.
Also bekam sie ihren Willen und die gedeckten Farben. Und Osswald vernichtende Blicke.

Die Pracht eines Regenbogens

Nur bei den Kindern durfte Farbe in Spiel, sprich an die Wand. Das erreichte fast die Pracht eines Regenbogens. Die Osswalds hatten den Flur in seine gedeckten Farben gehüllt, Pfirsich-Mango, was gar nicht so einfach war, denn das Haus war auf einer Seite sehr viel höher als auf der anderen, und so reichte der Flur im Obergeschoss erstaunlich hoch, weit über die Treppe hinaus. Die letzten Ecken oben zu erreichen, das war ein Balance-Akt auf einer sehr langen, sehr schräg stehenden Leiter.
Doch nun war alles überstanden. Frau Osswald brachte den Eimer mit allen Regenbogenfarben in den Keller. Die letzte Treppe war noch nicht fertig, auf ihr lagen rohe Bohlen, für die Treppenstufen eingekürzt. Bis jetzt hatten sie gehalten, jetzt hielten sie nicht. Die fünfte Bohle von oben brach durch, Frau Osswald wurde an die Wand geschleudert. Und der Eimer mit ihr.
Danach war alles sehr schön bunt: Der in gedecktem Pfirsisch-Mango gehaltene Putz leuchtete in allen Farben des Regenbogens. Und der Bluterguss an Frau Osswalds linkem Bein leuchtete bald auch in allen Farben des Regenbogens.
„Es kann immer noch viel schlimmer kommen“, sagte Osswald voller Mitgefühl, „du hättest dir das Bein brechen können.“
Als Belohnung für sein Mitgefühl durfte Osswald die Wand ganz alleine noch einmal verputzen.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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