Osswalds Kosmos: Ohne Bart wird’s hart – Satire

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Bild: pixabay.com/Alexandra / München

Ohne Bart wird’s hart – das haben wir immer schon geahnt. In dieser Satire bemühen wir zudem eine ziemlich historische Persönlichkeit.

Sie geht eher beiläufig an ihm vorbei, blickt ihn flüchtig an – und erstarrt. Frau Osswald stiert lange Sekunden auf das Kinn ihres Gatten; so, als habe sie dort etwas entdeckt, was sie bisher nicht sah. Oder kannte.

Es ist Osswalds Bart, den er schon seit Wochen trägt. Aber vielleicht hat sie jetzt, im Urlaub, mehr Zeit hat, ihren Gatten zu betrachten. Er ist stolz, sein Gesichtskraut so lange versteckt zu haben. Doch dessen dessen Tage sind gezählt. Das sieht er am Blick seiner Gattin. Und gleich kommt es auch: „Mach den Bart ab!“ herrscht sie ihn an. Wenn’s soweit ist, endet der gemeinsame Weg von Mann und Bart, und alle Hoffnung stirbt. Nach der Hoffnung stirbt der Bart.

Zwei Tage hält Osswald durch

Zwei Tage hält Oswald noch heldenhaft durch. Zwei Tage, in denen ihn seine Gattin mit bitterbösen Blicken verfolgt; und jede Stunde einmal sagt: „Bart ab!“

Plötzlich wird sie zuckersüß. „Schatzi, lass mich doch mal deine Haare schneiden.“ Gut, sie sind etwas sehr lang, und normalerweise wäre Osswald seiner Gattin dankbar für das Angebot. Aber er weiß, was dabei passieren wird. Und hier kommt es schon: „Dann kann ich auch deinen Bart wegmachen.“

Selbst, wenn er sich weigerte, seine Kinnbehaarung zu opfern – seine Gattin würde sicher, gaaanz aus Versehen, beim Haareschneiden mit der Schere abrutschen. Und seinen Bart meucheln.

So verzichtet Osswald schweren Herzens auf seinen Haarschnitt; und beschließt, seinen Bart eigenhändig zu ermorden.

Der Kaiser erscheint im Traum

Der Gedanke ist schwer zu ertragen. In der Nacht vor seiner Gräueltat erscheint ihm Kaiser Barbarossa im Traum. Mit wallend rotem Bart. So wallend war er beim ollen Kaiser zu Lebzeiten nie. „Mach den Bart ab!“, donnert ihn Barbarossa an und funkelt eindrucksvoll mit den Augen.

„Und du? Hast doch auch einen Bart“,  protestiert Osswald.

„Ich bin der Kaiser!“

„Meiner nicht.“

„Doch, auch deiner. Ich bin der Kaiser aller Reußen.“

„Und Ösen.“

„Ösen? Kenn ich nicht. Ein neuer Volksstamm?“

„Ja, und alle mit Bart. Sogar die Frauen“, stänkert Osswald im Traum.

„Bart ab!“, donnert der Kaiser.

„Aber wieso?“

„Das geht dich gar nichts an. Ich bin der Kaiser. Und mein Wort ist Gesetz.“

„Nix Wort, nix Gesetz“, nuschelt Osswald und dreht sich auf die andere Seite.

Da hört er das Rattern eines alten Wählscheibentelefons, das die gewählten Nummern sucht. Dann das Tuuuuten, schließlich das Knacken, als der Hörer abgenommen wird.

„Ja, hier spricht der Kaiser.“

Eine Frauenstimme: „Barba, wo bist du?“

„Ich bin in Höhle sieben.“

„Aha, dachte ich es mir. Mittagessen ist fertig. Und anschließend scheren wir deinen Bart.“

„Ich habe es befürchtet“, antwortet der Kaiser und legt auf.

Bart scheren?

„Du scherst deinen Bart? Du, Barbarossa!“

„Natürlich. Ich komme nicht mehr aus dem Kyffhäuser heraus, der Eingang der Höhle ist zu schmal. Und mein Bart zu dick.“

„Da hast du ja mächtig was zu scheren“, bemitleidet ihn Osswald.  

„Das kannst du laut sagen, Milchgesicht“, antwortet der Kaiser, „vor allem, weil wir hier nur Feuersteine haben. Hast du dir schon mal mit einem Feuerstein den Bart rasiert?“

„Nicht unbedingt.“

„Sei froh.“

„Na dann, gut kratz!“

„Sehr witzig.“

„Und wenn du genug von deinem Bart abgeschabt hast, kletterst du aus dem Kyffhäuser? Und dann?“

„Jawoll! Dann befreie ich Germanien. Einer muss es ja tun.“

„Da hast du recht. Schlimmer als die augenblicklichen Germanien-Beglücker wirst du auch nicht sein.“

„Aber hallo!“, schmettert der Kaiser. „Ich bin der Kaiser!“ Mit einem Plöpp verschwindet das Traum-Bild. Osswald dreht sich auf die andere Seite. Verrückter Traum, denkt er. Kaiser Barbarossa mit wallend rotem Bart, der sich die Pracht mit einem Feuerstein abschabt. Wieder macht es Plöpp, der Kaiser ist zurück.

„Weißt du eigentlich, warum ich am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph ertrunken bin?“

„Du konntest nicht schwimmen?“

„Natürlich konnte ich schwimmen, du Weißbrot! Ich bin gegen Polen gezogen, ich bin sechs Mal gegen Italien gezogen, ich habe Heinrich den Löwen gestürzt.“

„Alleine? Und dann die ganzen Kreuzzüge.“

„Eben. Ich bin der Kaiser, was denkst du, wie viele Flüsse ich in meinem Leben durchquert habe. Ich bin der Kaiser und ich bleibe der Kaiser. Und ich kann schwimmen.“

Wieder das Plöpp, der Kaiser ist weg.

Der Kaiser ist weg

Gleich plöppt es erneut, der Kaiser ist zurück: „Nein, ich hatte einen riesigen Bart, weil ich nicht zum Rasieren kam auf diesem Kreuzzug. Und was geschah? Der verfluchte Bart sog sich voller Wasser, zog mich auf den Grund des Flusses und ersäufte mich. Mich, den Kaiser!“

Plöpp.

Plöpp.

„Rasiere dich, du Weichfrosch!“

Plöpp.

Plöpp.

„Lieber Zartbitter als Bartzitter!“

Plöpp.

Osswald hat zwei Gründe

Jetzt hatte Osswald schon zwei Gründe, sich zu rasieren. Seine Frau. Und den Kaiser. Wobei er nicht wusste, wer mächtiger war. Osswald ist einigermaßen weichgekocht, als er an diesem Morgen aufsteht. So hat seine Frau ein leichtes Spiel. „Ja“, antwortet zu ihrem Erstaunen ihr Gatte, als sie sagt: „Ossi, komm, ich rasier‘ dich jetzt!“

Sie tun es auf der Terrasse. Frau Osswald nimmt die Schere dazu. Das ist ziemlich grob, ein Stoppelwald bleibt stehen – aber Osswald ist das gerade recht. Da kann er sich langsam entwöhnen – und jeder Versuch seiner Gattin, ihn zum Glattrasieren zu ermuntern, verliert sich im Stoppelgeflecht seines Gesichts. Das bekommt er nämlich nicht mit dem trockenen Nassrasierer weg; behauptet er. Trotz der Resthaare fühlt er sich seltsam schwach.

Als er mit den Hunden zum Deich wankt, knickt er ein paar Mal mit seinen Beinen ein. Am blaugewischten Himmel segeln weiße Wolken, die Hunde tollen und kacken, und Osswald packt die Bollen in die Tüten und strebt auf die Abfalltonne zu, die an der Abzweigung steht.

Alter Bauer mit Barbarossa-Bart

Und aus dieser Abzweigung, einem Feldweg, setzt jetzt rückwärts ein Anhänger, beladen mit Holz. Davor hängt ein Mercedes, an dessen Lenkrad ein ganz alter Bauer kauert. Mit mächtigem rotem Barbarossa-Bart. Osswald schätzt ihn auf 87. Der Bauer lenkt, der Mercedes zieht nach links, der Anhänger zieht nach rechts, der Bauer lenkt, der Anhänger zieht nach links. Linksrechtslinksrechts, wie ein Hundeschwanz wedelt der Anhänger.

Und Osswald weicht aus, einmal nach rechts, einmal nach links. Endlich ist er an Anhänger und Mercedes vorbei. “Rasier’ dich!”, keift der Bauer durchs offene Seitenfenster. Mit Schwung befördert Osswald die beiden Hundekackbeutel in die Abfalltonne. Auf dem Rückweg sieht er einen überdimensionierten Kackbollen auf der Wiese. Er ist breitgetreten. Osswald grinst und geht weiter. Er achtet darauf, dass sich die Hunde nicht in dem leckeren Haufen wälzen.

Erst ein paar Schritte weiter dämmert es ihm, er selbst könnte in den Haufen gelatscht sein. Osswald bleibt stehen, hebt den linken Fuß: nichts. Er hebt den rechten Fuß: Scheiße. Sehr viel Scheiße.

Kurz darauf steht Osswald auf der Terrasse und spritzt mit dem Schlauch seinen Schuh ab – in die Rosen. Denen kann ein wenig Dünger nicht schaden, denkt er sich.

„Was machst du da?“, fragt ihn seine Frau, als sie ihn entdeckt.

„Ich entferne das Pech von meinem Schuh.“

„Pech?“

„Ja, Pech. Das mir an den Schuhen klebt, seit du meinen Bart ermordet hast.“

Frau Osswald lacht glockenhell.

„Dein Pech riecht aber eher nach Scheiße“, sagt sie und geht ins Haus.

„Pech, Scheiße“, knurrt Osswald, „ist das nicht dasselbe?“

Frau Seidenstrumpf gurrt

Als er nach dem Urlaub wieder am Schreibtisch sitzt und arbeitet, ruft ihn Frau Seidenstrumpf an. Frau Seidenstrumpf ist eine schöne Frau, die schon einmal bei ihm volontierte.

„Sie haben jetzt einen Bart“, gurrt sie in den Hörer, „ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen.“

„Äh, hatte. Jetzt ist er ab.“

„Oh, schade.“

„Ja, äh, meine Frau konnte ihn nicht mehr ertragen. Sie sagte, der Bart kratzt.“

„Aber das ist doch schön!“, ruft Frau Seidenstrumpf. „Ein Bart muss kratzen. Auf allen Lippen!“

„Äh.“

„Wenn Sie wieder einen Bart haben, können Sie sich ja mal melden, Herr Osswald. Auf Wiedersehen.“

Lieber Bartzitter als Zartbitter!

Lichtblau

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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