Osswalds Kosmos: in Kuba – Satire

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Bild: pixabay.com/jorgejimenez

Zugegeben, es heißt auf Kuba; nicht in Kuba. Der gebildete Leser mag also einem Achtjährigen verzeihen, wenn er noch nicht alles weiß. Wir sind ja heutzutage schon froh, wenn unsere Achtjährigen Kuba nicht nur von Cuba Libre her kennen.

Folgender Dialog entspann sich also kurz vor Weihnachten im Hause Osswald.

Distel, der jüngere der Osswald-Söhne, erzählt unvermittelt nach dem Mittagessen, dass Frau Müller geschrieben hat. Frau Müller ist seine ehemalige Lehrerin in der Grundschule, die sich zu dieser Zeit auf Weltreise befindet. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Frau Müller und ihre Reise lösen in der Familie Oswald verschiedene gedankliche Verspannungen aus. Frau Oswald beschwert sich lang und breit darüber, wieso sie eigentlich so dämlich gewesen ist, nicht in den Schuldienst zu gehen. Dann könnte sie auch ein Sabbatjahr nehmen und reisen – ganz weit weg von ihren eigentümlichen drei Männern. Osswald denkt an Frau Müller an sich – hach, einfach süß. Und jetzt isse weg. Unnahbar auf Kuba.

Von dort hat sie jedenfalls geschrieben, wie Distel beiläufig beim Abräumen des Tisches erwähnt.

Hat Frau Müller geschrieben?

Frau Osswald: Frau Müller hat geschrieben?

Distel: Ja, aus Kuba.

Frau Osswald: Davon weiß ich ja gar nichts.

Osswald: Du musst ja nicht alles wissen.

Frau Osswald: Ich denke doch, dass ich alles wissen wollte, was meine Söhne betrifft.

Fritzmann: Gar net!

Frau Osswald ignoriert die Rebellion ihres Zwölfjährigen und wendet sich an Distel:

Also, Frau Müller hat geschrieben?

Distel: Ja, aus Kuba.

Teure Weihnachtsbäume

Frau Osswald: Ist das da, wo die Weihnachtsbäume so teuer sind?

Distel: Nein, das war in Brasilien.

Aha, sagt Osswald erstaunt darüber, was Distel alles weiß.

Frau Osswald: Ach richtig!

Fritzmann wird laut: Dsch, dsch, dsch. Dazu trommelt er mit den Händen auf der verdreckten Tischplatte herum. Mit dem Mund macht er Geräusche wie ein Schlagzeug; oder ein Maschinengewehr, so genau ist das nicht zu unterscheiden.

Frau Osswald: Fritzmann, bitte!

Fritzmann steht auf.

Frau Osswald: Was ist los?

Steh-auf-Männchen

Fritzmann: Ich will aufstehen.

Frau Osswald: Aber du stehst doch schon.

Fritzmann: Ich bin fertig.

Frau Osswald: Setz dich!

Fritzmann setzt sich, klöppelt lauter auf der Tischplatte herum.

Osswald: Hier geht es zu!

Frau Osswald zu Distel: So, Frau Müller hat geschrieben.

Distel: Ja, aus Kuba.

Frau Osswald: An euch?

Distel: Was?

Wie heißt das? He?

Osswald: Das heißt bitte.

Distel: He?

Frau Osswald: Ich meine, hat sie euch in die Schule einen Brief geschrieben?

Fritzmann steht auf.

Frau Osswald: Fritzmann, setz dich!

Fritzmann: Ich muss aufs Klo!

Frau Osswald atmet tief ein. Dann schweigt sie doch. Fritzmann ist aus dem Esszimmer entkommen.

Frau Osswald zu Distel: Habt ihr jetzt einen Brief von Frau Müller bekommen oder die Schule. Oder nicht?

Distel guckt.

Wer hat den Brief wohin geschrieben?

Frau Osswald: Hat jemand, äh eure Lehrerin, euch den Brief von Frau Müller vorgelesen?

Distel guckt.

Frau Osswald, etwas lauter: Ob euch Frau Schnapsgurke-Honigpferd den Brief vorgelesen hat?

Distel: Frau Schnapsgurke-Honigpferd ist in Kur.

Frau Osswald grummelt: Aha. So gut möchte ich es auch mal haben. Mit 27 Jahren in Kur zu gehen.

Distel: Aber du bist doch schon alt. Du bist keine 27 Jahre.

Frau Osswald: Papperlapapp, alt.

Osswald gluckst leise in sich hinein, gestreift von einem sengenden Blick seiner Gattin.

Frau Osswalds Augen wischen zurück zu Distel. Langsam und feierlich sagt sie: Das weiß ich doch. Frau Schnapsgurke-Honigpferd ist in Kur. Das haben sie beim letzten Elternabend gesagt. Ich hatte nur nicht mehr daran gedacht. Dann hat also Frau Müller an die Klasse geschrieben, an eure neue Lehrerin, Frau, äh …

Distel: … Müller.

Oswald: Aha. Frau Müller schreibt an Frau Müller. Liebe Frau Müller, hier ist Frau Müller. Die von Kuba.

Frau Osswald: Ja. Und wieder schreibt Frau Müller an ihre Kollegin und nicht an ihre ehemaligen Schüler. Völlig incognito.

Distel: Nein, in Kuba.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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