Osswalds Kosmos: Hassen Sie Fahrräder?

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Fahrräder – muss man sie eigentlich besinnungslos lieben? Oder darf man Fahrräder hassen? So wild, wie es manche treiben …

Osswald sieht es schon kommen, dass seine ganze Familie in ferner Zukunft Fahrräder meidet. Denn mit Fahrrädern hat die Familie Osswald kein Glück. Gut, es hätte schlimmer kommen können, niemand hat bisher richtig Schaden genommen; aber die kleinen Widerborstigkeiten der Fahrräder reiben auf. Am schlimmsten trieb es Opa Eins. Der hatte das Internet zum Einkaufen entdeckt. Und Opa Eins kaufte. Er konnte sich das leisten. So stapelten sich bald vier Kartons mit Briefumschlägen in seinem Büro. Er hatte sie günstig bekommen. Dumm nur, dass niemand mehr Briefe schrieb bei Omaopa Eins; die Senioren hatten auch noch die eMail entdeckt. Opa schrieb, Oma ließ schreiben. Bei jedem Besuch bekamen die Osswalds zudem drei Kloreiniger in die Hand gedrückt; auch hier war der Preis wohl unschlagbar, 7 Kartons stapelten sich auf der Gästetoilette.

Immer mehr Pein

Dann kamen die Fahrräder. Opa Eins meinte, es wäre an der Zeit, sich mehr zu bewegen. Schließlich war er auch schon 79 Jahre alt, obwohl keiner wusste, wie er das geschafft hatte.

Und das Golfspielen bereitete ihm mit all seinen Drehungen und Dehnungen zunehmend körperliche Pein.

Oma Eins war reichlich geschockt von der Ankunft der Drahtesel. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass sie jetzt auf einmal, nach mehr als 60 Jahren, wieder Fahrrad fahren sollte.

Formvollendeter Salto

Und weil Opaoma Eins am Berg wohnten, starteten sie ihre Tour nicht von zu Hause aus – man weiß ja nie, wie das mit dem Bremsen klappt. Opa Eins packte die Räder in den Mercedes Kombi, die Fahrt ging aufs flache Land. Drahtesel ausgepackt und los ging es auf dem grüne-Plan-Weg. Nur, ganz so platt war das flache Land nicht – Opa Eins kam vom Weg ab und eierte in den Graben. Der Abhang war erstaunlich steil und erstaunlich lang. An seinem Ende lag der Entwässerungsgraben, halb gefüllt mit einer stinkigen Brühe. Wasser und Jauche. Das Rad blieb mit dem Vorderrad stecken, Opa Eins legte einen formvollendeten Salto hin und landete mit dem Rücken auf dem gegenüberliegenden Hang des Grabens; der auch noch reichlich stinkigen Brühe führte.

Hier sind die Fahrräder

Als Osswald zwei Wochen später mit seinem Transporter seine Mutter Oma Eins besuchte, drückte ihm Opa Eins die beiden Fahrräder in die Hand. Sie landeten nach Frau Osswald vehementem Einspruch als Spende im Frauenhaus.

Distel fährt anders

Nach diesem fulminanten Auftakt kommen wir zu etwas völlig anderem: Distel. Der hatte sich im Alter von drei Jahren vorgenommen, Fahrrad fahren zu können – und übte das im Park zäh und beharrlich, bis er es tatsächlich konnte. Ansonsten war das Kind war bei Fahrrädern völlig unauffällig. Er fuhr tapfer die abgetragenen Räder seines großen Bruders Atlas – und die waren durchaus in keinem guten Zustand.

Dann kam seine große Stunde. Er wollte sein eigenes Fahrrad haben, Oma Eins und Oma Zwei spendeten kräftig, weil die Osswalds nun mal kein Geld haben. So gingen Osswald und sein Sohn samstags zu ihrer Radhändlerin, Distel durfte auf einem Rad Probe fahren. „Hm, hm, hm“, sagte er danach und ließ das Fahrrad stehen. Erst daheim gestand er ein, dass ihm das Teil nicht gefallen hatte. Zu langweilig, wo blieb da das Mountainbike-Feeling?

Mutti greift ein

Nun griff Mutti ein, zu Dritt fuhren sie zu einem anderen Radhändler, der eine ganze Halle voller Zweiräder hatte. Ein Rad war so, wie Distel sich das vorstellte. Und preislich war es auch gerade richtig. Die Probefahrt war in Ordnung, der junge Fahrer sagte, „echt cool, Mann!“  – nur leider gab es da noch den Fachberater; und der riet vom Kauf dieses Rades ab. „Das ist zu klein, da bist du in einem Jahr rausgewachsen.“

Gut, dachte sich Frau Osswald, wird ja nicht so schwer sein, ein größeres zu bestellen. War es aber: „Vor dem Frühjahr kommt die neue Produktion nicht herein.“

Der Opa war’s

Das war’s dann mit diesem Händler, Frau Osswald wandte sich endgültig dem Internet zu; ohne, dass sie ihrem Gatten Bescheid gab. Der sah ein paar Tage später den UPS-Mann mit einem dicken Paket ankommen. Das Fahrrad. Alles war super. Nur Osswald musste zu ihrer Radhändlerin auf Canossa-Gang kriechen und ihr eine abenteuerliche Geschichte erzählen von besagter Probefahrt bei ihr und dem Missfallen, das sie bei Distel erregt hat. „Und dann hat er mit dem einen Opa telefoniert und der lässt so gerne raushängen, dass er viel reicher ist als wir. Und der hat ihm das Fahrrad dann im Internet bestellt.“

„He, he“ sagte sie, und schon war geritzt, dass Distel sein neues Rad ihr zur Reparatur bringen kann. Und sie das alte Rad auf Kommission loswerden. Auch bei ihr.

„Du bist ja zu kaum etwas zu gebrauchen“, sagte Frau Oswald später, „aber lügen kannst du wie ein Klosterschüler.“

„Danke für die Blumen.“

Ein kräftiges Kind

Atlas war immer schon ein kräftiges Kind gewesen – entsprechend sahen seine Fahrräder aus. Er kam von seinen Ausfahrten mit Kindergartenfreunden zurück: „Aber Atlas, wo ist denn die Lampe von deinem Fahrrad geblieben? Und das Schutzblech ist auch geknickt.“

„Weiß nicht. Ich bin nur um die Kurve gefahren.“

Um die Kurve, so, so. „Lügen kann er schon wie sein Vater“, knurrte Frau Osswald.

Atlas‘ Fahrradkarriere blieb auch sonst recht eigenwillig. Endlich aus dem Jugendrad rausgewachsen, was natürlich Distel erbte, holte sich Atlas ein schnittiges Mountain-Bike in jener großen Halle, in der zwei Jahre später sein Bruder keines in seiner Größe finden sollte. Einen Ständer durfte so ein schönes Rad nicht haben, die Schutzbleche gab es zum Aufstecken – blieben also meist unten – was seine Mutter schier in den Wahnsinn trieb und die Lampen waren ebenso zum Stecken; also blieben auch sie meist zu Hause liegen. Was den Vater schier in den Irrsinn trieb, wenn der Junge morgens durch den stockdunklen Morgen in die Schule radelte.

Geschickter Langfinger

Aber der Herrgott war ihnen gnädig. Er schickte ihnen einen geschickten Langfinger, der Atlas‘ Rad mit dem Seitenschneider vom Laternenpfahl an der Schule los knipste und damit verschwand.

Die Versicherung zahlte, was wollte man mehr?

Um die ganze Sache weg vom Kult, hin zum Radfahren zu bringen, empfahl Osswald seinem Sohn einen Gebrauchtradhändler. Aber der war ein besessener Radfreak, und Osswald hatte dessen Hinterzimmer nicht gesehen. Atlas schon, als er zurückkam, hatte er ein Kultrennrad von Bruno im Schlepptau.

„Ein Rennrad!“, stöhnte Frau O. und zählte ihrem Sohn auf, welche Nachteile so ein Gefährt hatte.

Das jedoch war einem 17-Jährigen egal. Das Bruno-Ding hatte keinen Ständer (doch nicht an einem Rennrad!), nur aufsteckbare Lampen (nicht schon wieder!), aber immerhin Schutzbleche. Und geklaut wurde es bis heute nicht.

Frau Osswald schlägt sie alle

Den Fahrradvogel aber schoss Frau Osswald ab. Irgendwann kaufte sie sich ein neues Fahrrad – bei ihrer Radhändlerin. Probierte dies, probierte das, ließ den Lenker austauschen und den Sattel. Sie ließ das Rad auf ihre Körpermaße konfigurieren. Dann kaufte sie. Nur, um nach wenigen Ausfahrten festzustellen, dass das Rad zu klein, der Sattel zu schief und der Lenker unmöglich war.

„Aber du hast es dir doch ausgesucht, bist Probe gefahren und hast dir das Rad konfigurieren lassen.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, das es jetzt nicht passt.“

„Dann geh wenigstens zur Eisenstein, damit sie dir was an dem Rad richtet. Verändert, was weiß ich. Es ist doch nagelneu!“

„Du willst wohl, dass mich die Eisenstein für bescheuert hält?“

„Wenn du lieber willst, dass ich dich für bescheuert halte, bitte!“

Atlas verbeult Mutters Rad

Das Rad stand jahrelang unbenutzt im Schuppen und ärgerte alle, die noch Fahrrad fuhren: Weil es ihnen nämlich den Platz wegnahm, und sie ihre Räder mühsam in den Schuppen quetschen mussten.

Bis Atlas sein Jugendrad seinem Bruder vermachte. Und selbst eines brauchte. Seine Idee war es nicht, Mutters komisches Rad zu nehmen (das allerdings eher unisex als Damenrad war). Er murrte kurz, aber ein neues Rad gab es nicht, die Haushaltskasse war zu schmal. Und er würde erst bei Rad Eisenstein jobben müssen, um das Geld für ein Fahrrad zu haben – das er bei der Konkurrenz kaufen würde.

Atlas brauchte nicht lange, ehe er Mutters Rad in den Zustand versetzt hatte, indem er offensichtlich seine Räder brauchte. Verbeult, verschrammt, mit Knick im Gestänge.

Jetzt wartet Oswald auf die nächste Zweiradgeschichte. Irgendetwas werden sich die Fahrräder schon einfallen lassen, damit die Osswalds sie hassen.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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