Osswalds Kosmos: Frauen – zuckersüß

Bild: Pixabay.com/Alexandr Ivanov

Ewig kann selbst Osswald seiner Frau nicht böse sein; und den anderen Frauen auch nicht. Nur: Sein Versuch, ihnen etwas Gutes zu tun, überzeugt nicht so recht.

Frau Osswald ist heute zuckersüß: “Ich habe beschlossen: Wir wandern.”

“Wie wandern? Wer?”

“Ist doch ganz einfach, Ossi: wir beide. Wandern. Das soll unser Sport werden.”

Osswald, der vor ein paar Tagen 60 wurde, fühlt sich noch nicht so alt, dass er wanderte.

“Wandern, oh Gott. Wie kommst du darauf?”, fragt er einigermaßen verwundert.

Das Knie, das böse Knie

Jetzt quasi sein Knie um die Ohren geschlagen zu bekommen, ist nicht sehr nett. Sie stempelt ihn damit zum Invaliden. Und das Schlimmste: Er hatte sich das Knie auf dem Acker ruiniert, den er nach ihren Plänen in einen Garten umgestalten sollte. Das war unmöglich, der Boden spatentief mit Grasnarbe durchzogen, 1 Ar umwühlen, das ging über seine Kräfte. Und dann war da noch das Knie, das seinen Dienst versagte. Jede andere Frau hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, ihren Mann vielleicht bedauert, Frau Osswald hingegen verspottet ihn.

“Was macht eigentlich dein Knie?”, bringt ihn Frau Osswald auf die richtige Spur, “was ist rausgekommen?”


“Also, was ist rausgekommen?”

“Du meinst das MRT? Die Röhre?”

“Genau. Die Röhre.”

“Naja, ich habe einen Riss im Innenminiskus des rechten Knies.”

“Schön. Und was weiter?”

“Wie, was, weiter?”

“Was geschieht jetzt?”

“Nichts.”

“Du hast einen Riss im Innenminiskus. Und es geschieht nichts?”

“Genau. Ich bin wieder schmerzfrei, dank kluger Schonung. Ich kann alles machen außer joggen. Und Gartenarbeit, die geht gar nicht. Jetzt gibt es erst einmal Physiotherapie. Und im Januar sehen wir weiter.”

“Wenn das so ist, kannst du wandern.”

Schrecklicher Gang

“Theoretisch ja.”

“Aber wenn ich dich genau betrachte, weiß ich es doch wieder nicht.”

“Was?”

“Ob du das Wandern schaffst. Du gehst mit einem Gang, der ist völlig verdreht. Kein Wunder, dass dein Knie kaputt ist.”

“Aber das Knie …”

“Ich wette, dass deine Füße schmerzen. Und seine Hüfte wird bald auch im Eimer sein. Kein Wunder, dass du ständig Rücken hast. Fürs Wandern bist du wahrscheinlich zu alt. Und zu verdreht.”

“Aber du. Aber ich. Ach, steig mir doch in die Tasche.”

Osswald muss sowieso zum Zug. Er hat keine Lust mehr auf Frau Osswald zuckersüße Tiefschläge.

Das Abteil für sich

Osswald hätte am liebsten das ganze Abteil für sich alleine. Er mag keine Menschen um sich herum. Und Frauen schon zweimal nicht. Diese flatterhaften Wesen in Markenjeans, in die teure Designerhände Schlitze gerissen haben; Frauen, die einen Bratspieß als Piercing in der Nase tragen; Frauen, deren Haut restlos bemalt ist und auf deren Stirn in verschnörkelten Buchstaben “Kuh” prangt.

Oder vielleicht auch nicht, Osswald schaut nicht hin. Er ist bedient.

Manchmal bekommt er aber schon mit, wer im Zug gegenüber sitzt. Ein Mädchen. Hübsch, vielleicht 19. Rotes, kurzes Kleid, den Mund streng geschlossen. Osswald freut sich über das Kleid. Es ist ein Kontrapunkt. Die Alternativen sieht er um das rote Kleid herum platziert; Löcherjeans. Der Bodensatz der Hirnerweichung. Das Mädel – die junge Frau –  hört Musik. Die Kopfhörer sprechen für sich, ihr Handy hält sie in der rechten Hand. Auf dem Schoß liegt ein unförmiger Kasten, dessen Funktion sich Osswald nicht erschließt. Er sieht nicht, wo die Kopfhörer angeschlossen sind. Auch auf ihrem Schoß: Ein Buch, in dem sie liest. Sie hält den Blick für 20 Minuten gesenkt. Osswald rätselt über die Farbe ihrer Augen. Sie sind braun, wie er in der 21. Minute erfährt. Da schaut die junge Frau auf und fixiert ihn.

Sie liest weiter

Vor Schreck schaut Osswald zur Seite. Als er sie kurz darauf wieder betrachtet, liest sie ungerührt. Und so bleibt es, bis sie aussteigt.

Die junge Frau stimmt ihn an diesem Tag milder. Sein Ärger über die Frau an sich ist verflogen. Er hat das Bedürfnis, der Frauenwelt etwas Gutes zurückzugeben. Kurz darauf kommen vier sehr mittelalterliche Damen in den Waggon. Zwei finden Platz, zwei bleiben stehen. Osswald steht auf und bietet seinen Platz an.

“Ach nein, danke”, sagt eine, mit langem Blick auf Osswald. Er hat das Gefühl, sie wolle ihm und seiner Gebrechlichkeit einen Gefallen erweisen. Also lässt sie ihn sitzen und bleibt neben ihrer Freundin stehen.

“Dort können Sie einen Sitz herausklappen”, sagt Osswald zu ihr, weiter getrieben vom unbändigen Willen, wenigstens einer Frau etwas Gutes zu tun.

Die Dame schaut auf ihren rechte Seite, klappt einen Deckel auf, lässt den Deckel geräuschvoll fallen und antwortet herablassend: “Ach, lassen Sie mal, so nötig habe ich das mit dem Sitzen wirklich nicht. Ich brauche dazu nicht den Abfalleimer zu nehmen.”

Frauen sind zuckersüß.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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