Osswalds Kosmos: Frau Ziegler rollert wieder

pixabay.com/cocoparisienne

Frau Ziegler ist ein harter Brocken. Und bei Fleischkäse kennt sie offensichtlich keine Gnade. Naja, vielleicht doch?

Es ist Freitag. Osswald verabschiedet sich von seiner Gattin.

“Wo gehst du hin?”

“In die Stadt. Wie jeden Freitag. In die Redaktion, Zeitungen holen, Zeitungen lesen. Und dazu bei Metzger Stich ein Fleischkäsebrötchen essen.”
“Iii, Fleischkäse. Das ist sooooo eine Sauerei. Ich wünschte, du wärst Vegetarier geblieben.”

“Damit ist das Abendland auch nicht mehr zu retten.”

“Das Abendland nicht. Aber du.”

“Ich schon gar nicht.”

“Du hast echt nen Schuss!”

Der Metzgerladen ist voll

Der Metzgerladen Stich ist gesteckt voll. Auch vor der Imbissausgabe hat sich eine Schlange gebildet. Vor Osswald steht ein junger Mann: Haar zurückgegeelt, nachtblauer Anzug, dazu dunkelbraune Schuhe. Der Banker. Er kennt ihn von der Lottoannahmestelle des Herrn Kreuzhage. Nur der hier ist ein wenig liederlicher: Die Haare eigenwillig, der nachtblaue Anzug verknittert und voller Fussel, die Schuhe stumpf und abgeschabt. Irgend etwas scheint den jungen Mann aus der Bahn gedrückt zu haben. Die Schlange rückt langsam voran, die Fleischereifachverkäuferin gibt ihr Bestes. Der Fleischkäse schmilzt dahin wie Eis in der Sonne. Die Fleischfresser schlagen zu. Osswald schaut besorgt dem Banker über die Schulter –  der Fleischkäseleib könnte halten, bis er dran ist. Für ihn wird noch ein Stück übrig bleiben. Vielleicht bekomme ich heute sogar wieder mal ein Endstück, denkt Osswald. Viele Kunden wollen es nicht, aber es ist halb rund, mit krosser Haut von drei Seiten – und mindestens doppelt so viel Fleischkäse wie eine normale Scheibe.  

Eine bekannte Stimme

“Darf ich mal?” hört er eine Stimme hinter sich. Frau Ziegler. Nicht schon wieder.

Osswald dreht sich um und sieht Frau Ziegler auf sich zu rollern: Wie immer im grauen, speckigen Wollmantel, mit ebenso speckigem grauen Haar und am Rollator, an dem sie sich langsam ächzend, aber unaufhaltsam voran schiebt. Ihm schwant Übles.

Eben kommt der Banker vor Osswald dran. “Guten Tag, ich hätten gern … aua!” Frau Ziegler rollert ihm über den Fuß. Der Banker faucht sie an: “Sie schon wieder!”

Frau Ziegler schaut von unten vom Rollator zu ihm hoch: “Habe ich mich wieder vorgedrängt?”, fragt sie schelmisch.

“Ja! Haben Sie!”, faucht sie der junge Mann. Über sein Gesicht laufen Gewitter.

“Das ist aber bedauerlich. Und nun entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun”.

“Ach. Ich etwa nicht?” Aber da ist Frau Ziegler schon ganz an ihm vorbei. Der Banker fummelt sein Handy heraus und versucht, seine PIN einzugeben. Das scheint ihm dreimal nicht zu gelingen, das Handy ist jetzt gesperrt. Der Banker starrt fassungslos sein totes Teil in der Hand an.

Wie immer, Frau Ziegler?

“Guten Tag, Frau Ziegler”, begrüßt sie die Fleischereifachverkäuferin, Wie immer?“

„Wie immer“, bestätigt die alte Dame. Und dann hat die Bedienung richtig viel Arbeit. Brötchen aufschneiden, warmen Fleischkäse abschneiden, Serviette halb rum, das alles in Alufolie verpacken. Sieben Mal. Schließlich alles in eine Tüte. Frau Ziegler hängt die Tüte an den Griff ihres Rollator, zahlt, diesmal ohne Geplänkel um den einen Euro, den sie rausbekommt oder nicht, „bis morgen dann“, sagt die Bedienung, Frau Ziegler  rollt los – und stoppt unvermittelt. Sie drängt sich an Osswald vorbei, fährt dem Banker, der gerade erneut ansetzte, um zu bestellen, von hinten in die Kniekehlen. Er geht in die Knie. Frau Ziegler steht erneut am Tresen. „Da fällt mir ein, mein Sohn kommt heute zum Mittagessen. Bitte dasselbe noch einmal.“ Sieben Weck mit sieben Scheiben Fleischkäse. Danach ist der warme Fleischkäse alle.

An die Schienenbeine

Auf der Rückfahrt rollert Frau Ziegler dem Banker, der sich ächzend wieder aufgerichtet hatte, an beide Schienenbeine. Der junge Mann bricht über Frau Zieglers Rollator zusammen. Sie starren sich an, der Metzgerladen ist mucksmäuschen still, nur ganz im Hintergrund schneidet die Wurtschneidemaschine eine dicke rote Wurst in Scheiben.

“Sie haben wohl Hunger, junger Mann? Sie können sich ja kaum mehr auf den Beinen halten. Dann kommen Sie mal mit, Fleichkäseweck haben wir genug” Sie rollert los.

Der Banker schaut sich um. “Avanti”, sagt Osswald.

Er beschließt, wieder Vegetarier zu werden. Beim Metzger gibt es eh nichts mehr zu essen.

 

Mehr Satire? Hier!

Da gehst du lachen !

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

Kommentar verfassen