Osswalds Kosmos: Kill den Fisch!

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Bild: pixabay.com/Rudy and Peter Skitterians

Der Tag, an dem Osswald seine Fische auslöschte, war ein schwerer Tag. Damit starb auch ein Jugendtraum.

Satire

Osswald liebt Fische. Schon in seiner frühen Jugendzeit hatte er mehrere Aquarien und züchtete erfolgreich die ausdrucksstärksten Farbschläge. Die Fische hatten etwas Magisches. Wie sie in diesem fluoreszierenden Licht schwammen, mit ihren prachtvoll gefärbten Flossen, sich drehten wie selbstverliebte Ballerinen, dann wieder ausgelassen durchs Becken tobten und sich jagten – sie bezauberten ihn. Als Osswald sattelfest wurde im Handwerk des Züchtens, arbeitete er golden umrandete blau-schwarze getupfte Schwanzflossen heraus. Und diese Farbe legte sich wie ein Film über seine Erinnerung. Fische, das war dieser neonleuchtende gold-schwarz-blaue Farbfilm. Die Farbe trug ihn traumwandlerisch, Osswald machte nichts falsch. Er hatte wirklich ein Händchen für Fische. Nachdem er geheiratet hatte, lernte Frau Osswald eine Menge Fische kennen – weil ihr Gatte immer in die Zierfischabteilung der Zoogeschäfte ging. Dort erklärte er ihr alles. Wenn er ein paar Minuten alleine war und die Fische in den Becken ungestört auf sich wirken lassen konnte, war sie wieder da, die neonleuchtende Farbe seiner Jugend.

Aquarium geschenkt

Es begab sich aber, dass seine Gattin ihm zum 50. Geburtstag einen Aquarienschrank, ein Aquarium und die ganze Ausstattung schenkte.

Es stand in seinem Büro, brachte ihm aber kein Glück. Die Farbe seiner Jugend stellte sich nicht ein – da wusste Osswald, dass es vergeblich sein würde. Er versuchte es dennoch. Doch schon mit seinem ersten Besatz hatte er sich – mit den Regenbogenfischen – wohl Fischtuberkulose eingefangen. Die Tiere legten Eier wie verrückt, die Grundeln auch, aber kurz darauf hingen sie tot am Filter. Osswald dachte schon, sie hätten sich totgelaicht; und seine Familie, angeführt von seiner Frau, spottete, mit Osswalds Fischhändchen sei es wohl doch nicht so weit her wie er immer behauptet hatte.

Er trug es mit Fassung, er wusste es besser. Gegen Fischtuberkulose war kein Kraut gewachsen. Unbehandelbar, meistens tödlich – und gefährlich selbst für Menschen, die sich fies nässende Dauerentzündungen einfangen können.

Da legst di nieder!

Nichts klappte

Allmählich raffte es alle Fische dahin. Jeder Neubesatz war sinnlos. Am Schluss blieben drei verkrüppelte Danios übrig.

Und dann kam der große Tag. Samstag. Osswald reinigte wieder mal sein Aquarium. Das hatte auch reichlich nachgelassen, seitdem es die Fische vorzogen, wegzusterben. Die Scheiben waren nahezu völlig mit Algen zugewuchert. Osswald hatte dazu einen Plastikeimer neben dem Aquarienschrank auf dem Boden stehen. Nun holte er den Reinigungsschwamm für die Aquarienscheiben heraus und begann, die grün-braune Masse wegzukratzen.

Was ist mit den Fischen los?

Was ist denn mit den Fischen los?, dachte er nach einer Weile. Einer schwamm schon reglos auf dem Rücken, der andere trudelte zu Boden, wo der dritte konvulsorisch vor sich hinzuckte. Nach einer Weile zog er den Reinigungsschwamm aus dem Wasser und roch daran. Der stank teuflisch nach einem scharfen Reinigungsmittel. Dass er das vorhin nicht gerochen hatte! Kein Fisch überlebt auch nur Spuren eines solchen Mittels im Wasser. Im Eimer fand Osswald einen Lappen, getränkt mit Reinigungsmittel. Er erinnerte sich daran, der Lappen war auf seinem Reinigungsschwamm gelegen, er hatte ihn achtlos runtergeschüttelt.

Mit der Reinigung an diesem Samstagnachmittag war Osswalds Fischepisode vorbei. Die Farbe seiner Erinnerung besuchte ihn nie wieder. Er teilte jetzt die Meinung seiner Familie, dass er kein Händchen für Fische hatte. Das war einfacher als von Farbe zu schwafeln. Wer ihm allerdings das tödliche Tüchlein in den Eimer geworfen hatte, das bekam Osswald nie heraus.

 

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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