Osswalds Kosmos: Ein Euro für den Banker

Bild: pixabay.com/Stefan Schweihofer

Wenn ein Banker Lotto spielt, erlebt er durchaus eine Überraschung. Dafür sorgt Frau Ziegler.

Osswald wartet gerne. Besonders, wenn das Gespräch am Verkaufsschalter vor ihm spannend ist. Darin verwickelt: ein schicker junger Mann, der nach Geld aussieht. Haar zurückgegeelt, nachtblauer Anzug, dazu dunkelbraun glänzende Schuhe. Osswald würde das als Stilbruch bezeichnen, hat von Stil andererseits aber kaum eine Ahnung. Hinter dem Verkaufstresen: Herr Kreuzhage, der Zigaretten- und Lottomann. “Also, 8,70 Euro für einen Monat Eurojackpot riskiere ich mal.”

“Das ist sehr vernünftig”, sagt Herr Kreuzhage, nimmt den ausgefüllten Lottoschein und lässt ihn durch seine Lottoscheinannahmemaschine laufen.

“8,70 Euro”, sagt er dann. “Die Chancen beim Eurojackpot liegen immerhin bei 1:95.344.200. Und bei Lotto 6 aus 49 sind es nur 1:139.838.160.” Herr Kreuzhage ist in seinem Element und bekommt rote Fleckchen auf den Wangen. Der Banker lächelt selig, seine linke Augenbraue zuckt. 1:95.344.200 ist zwar auch keine Garantie auf den Jackpot, aber ein bisschen besser als 1:139.838.160. Soviel weiß der Banker.

“Hatten Sie überhaupt schon mal einen größeren Gewinn?”

“Ich?”, fragt Kreuzhage, “würde ich dann noch hier stehen?”

5 Millionen für einen Tipp

“Nein, natürlich einer Ihrer Kunden.”

“Einer meiner Kunden. Ja. 5 Millionen Euro. Ich weiß natürlich nicht, wer es war. Er hat das Geld von der Lottozentrale bekommen. Das geht ganz leicht, wenn Sie eine Lottokarte haben. Da ist die Kontonummer hinterlegt.”

“5 Millionen”, träumt der Banker.

“Wollen Sie auch eine Lottokarte? Kostet nur 5 Euro.”

“Das ist ein Haufen Geld. 5 Millionen. Wie?”

“Ob Sie auch eine Lottokarte wollen? Kostet nur 5 Euro.”

“Was soll ich mit einer Lottokarte?”

“Da ist Ihre Kontonummer hinterlegt. Bekommen Sie Ihre Gewinne direkt überwiesen.”

“Aha.”

“Nun?”

“Nein.”

Eine alte Dame will durch

“Darf ich da mal durch?”, fragt eine Dame hinter Osswald, der unwillkürlich zur Seite weicht. Die alte Dame mummelt sich in ihren grauen, speckigen Wollmantel, hat ebenso speckiges graues Haar und schiebt sich leise ächzend am Rollator voran, bis sie den Tresen erreicht hat. Kurz davor gibt es noch ein kleines Hindernis – den Bankerfuß. Aber die Dame rollt, nach dem ersten Stocken und einem beherzten Stoß, über den linken braun glänzenden Schuh hinweg.

“Aua!”, protestiert der Banker.

“Was heißt hier aua?”

“Sie sind über meinen Fuß gerollert.”

“Blödsinn.”

“Doch. Hier. Sehen Sie.” Der Banker hält an seinem nachtfarbenen Beinkleid den Fuß in die Höhe. Quer über das braun glänzende Leder zieht sich ein graues Band, mit Reifenmuster.

“Ich bin über Ihren Schuh gerollert, nicht über Ihren Fuß, Sie Tölpel. Dann ziehen Sie Ihr Teil doch aus meinem Weg!”

“Außerdem haben Sie sich vorgedrängt.“

“Habe ich nicht. Sie haben sich vorgedrängt. Sie standen ja schon da, als ich kam.”

Der Banker schaut erschüttert die alte Dame an, dann Herrn Kreuzhage, der das Kunststück fertig bringt, eine beruhigende Geste zu machen und dem jungen Mann gleichzeitig zu bedeuten, dass die alte Dame nicht alle Tassen im Schrank hat – ohne, das die etwas bemerkt.

Sieben Päckchen für die alte Dame

„Ach, ich dachte schon, Sie kommen gar nicht mehr, Frau Ziegler“, sagt der Betreiber der Lotto- und Tabakwarenecke im größten Kaufhaus der Stadt. Dann bückt er sich und kramt hörbar in einer Schublade.

„So“, sagt er, als er sich wieder aufgerichtet hat, und legt sieben hellblaue Päckchen auf den Tresen, „das reicht für eine Woche.“ Es sind sieben Päckchen Gauloises ohne Filter.

„Nicht ganz“, antwortet Frau Ziegler gelassen und kramt in ihrer Handtasche, „aber ich habe ja noch meine Stumpen.“ Sie hält dem Zigarettenmann einen Fuffy hin, er öffnet die Kasse und legt das Wechselgeld auf den Tresen. Sie verstaut ihre sieben Schachteln Gauloises im Netz des Rollators, greift zum Wechselgeld und ruft dem Verkäufer zu, der längst schon wieder den Banker mit der Lottokarte bearbeitet: „Herr Kreuzhage, Sie haben mir einen Euro zu wenig rausgegeben.“

„Ach, wirklich“, antwortet Herr Kreuzhage, „hm. Schon möglich, ich bin heute etwas zerstreut.“ Er legt Frau Ziegler einen Euro auf den Tresen. Die alte Dame beachtet ihn nicht weiter, sondern fummelt lange an ihrem Rollatornetz herum, am Ende fällt ihr der Knirps herunter. Osswald hebt ihn auf, Frau Ziegler dankt.

Frau Ziegler, steckt den Knirps ins Netz und rollert los.

Halt, der Euro!

„Halt, Frau Ziegler, Ihr Euro!“, ruft ihr Herr Kreuzhage hinterher. „Erst kämpfen Sie um ihren Euro, dann lassen Sie ihn liegen.“

„Ich bin heute etwas durcheinander“, antwortet Frau Ziegler, rollt zum Tresen zurück. Der Banker zieht hastig seinen Fuß ein. Frau Ziegler setzt ihren rechten Zeigefinger auf den Euro und schiebt die Münze über den Tresen zum jungen Mann.

“Da, der ist für Sie. Machen Sie sich einen schönen Tag. Sie können’s gut gebrauchen, bei den Zinsen, die Ihr Institut mittlerweile zahlt. Da wird es bei seinen Angestellten auch nicht besonders großzügig sein.”

Sie dreht um und schlurft zurück, vorbei an Osswald, zum Laden hinaus.

Der Banker starrt den Euro an

Der Banker starrt auf den Tresen, auf dem sein Euro liegt und im Licht der Neonröhre glänzt.

“Sag mal”, sagt er dann.

“So ist sie nun mal, die Frau Ziegler. Die war schon so vor ihrem Lottogewinn.“

“Lottogewinn?”, fragt der Banker.

“Ja. Ich habe den Verdacht, dass sie die 5 Millionen gewonnen hat. Kann es aber nicht beweisen. Wenn ich sie frage, weicht sie aus.”

“5 Millionen. Die alte Schachtel”, stöhnt der Banker, “so, wie die rumläuft!” Er wendet sich vom Tresen ab und läuft, seltsam mechanisch, zum Kaufhaus hinaus.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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