Osswalds Kosmos: Der Tod kommt auf leisen Sohlen

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Ab einem gewissen Alter kannst du den eiskalten Hauch des Todes in deinem Nacken nicht mehr leugnen. Osswald spürt ihn zuerst beim Auto fahren.

Der Tod küsst dich sanft, umschmeichelt dich, streichelt dich zart. “Warte nur”, flüstert er, “bald sind für für immer vereint.”

Osswald denkt gerne an den Tod. Er ist für alle gleich, ob König, ob Bettler. Niemand kann sich einen schöneren Tod kaufen mit seinem Geld. Oder mit seiner Macht und Frömmigkeit. Und ob der Tod tatsächlich die uns zugewandte Seite der Unsterblichkeit ist? Das werden wir sehen, wenn er uns umarmt.

Das Alter ist fies

Aber das Alter. Das ist fies. Härter als der Tod. Es lässt uns die Illusion der Wahl, die wir nicht haben. Eine falsche. Und keine ist so quälend wie die: Soll ich mit dem Autofahren aufhören und den Führerschein abgeben?

Das Autofahren aufgeben wegen drohender Tütteligkeit? Mit 58? Osswald war immer ein guter, leidenschaftlicher Autofahrer und hatte ein paar Male seiner Familie durch Geistesgegenwart das Leben gerettet; am Steuer. Aber allmählich schleichen sich Zweifel ein. Im Sommer waren sie in Brandenburg. Osswald eher lustlos. Er fand es übertrieben, so weit zu einer Silberhochzeit zu fahren, 750 Kilometer hin, 750 Kilometer am nächsten Tag zurück – mit so vielen fremden Leuten zu quatschen, so viel Geld für ein dämliches Hochzeitsgeschenk auszugeben. Es waren die Leute seiner Frau, nicht seine. Er fuhr trotzdem. Vielleicht war er aus Überarbeitung müde, vielleicht aus Wut. Er schlief ein. Nur kurz und hielt die Spur dabei. Aber weg war er trotzdem. Beim zweiten Mal muss er kurz aufgeschnarcht haben. Jedenfalls fragte seine Frau: “Was machst du denn?”

Osswald schläft

“Ich schlafe. Ich bin müde.”

“Ja, sag mal spinnst du? Du kannst doch beim Autofahren nicht schlafen.”

“Doch. Kann ich. Hilft gegen Müdigkeit.”

“Du kannst doch nicht am Steuer schlafen.”

“Doch, kann ich. Ich fahre immer geradeaus.”

“In der Kurve.”

“Nein, da nicht. Da fahre ich um die Kurve.”

“Während du schläfst.”

“So ist es.”

Ja spinnt Osswald?

“Du spinnst doch!”

“So ist es.”

“Lass mich fahren.”

“Geht schon.”

“Blödsinn.”

“Ich muss nur noch einmal kurz wegpennen, dann bin ich wieder fit. Dreimal Sekundenschlaf, dann ist gut.”

“Ich werde wahnsinnig. Lass mich sofort ans Steuer.”

“Ich mach das schon.”

“Du machst … ich werde wahnsinnig. Ich lass mich scheiden. Wenn ich das hier überlebe.”

“Eine gute Idee. Sag Bescheid, da mache ich mit.”

Frau Osswald sitzt schmollend im Beifahrersitz, die Arme verschränkt. Osswald versucht, so geräuschlos wegzuduseln, wie das möglich ist, was ihm auch gelingt.

Pesthauch des Alters

Doch wie er’s dreht und wendet: Osswald spürt den Pesthauch des Alters im Nacken. Früher ist er nie am Steuer eingeschlafen.

Der zweite Schlag folgte ein Vierteljahr später. Wieder im Auto. Sie hatten es endlich geschafft, Osswalds Mutter zu besuchen. Das bedeutete immer, morgens 350 Kilometer hin und abends 350 Kilometer zurück. Osswald fuhr. Irgendwie stand das nie zur Debatte. Auf dem Rückweg regnete es Katzen und Hunde. Es war dunkel am Schluss. Osswald war bedient. Endlich kam die Ausfahrt an der Autobahn. Osswald blinkte, fuhr gerade aus weiter.

“Du weisst aber schon, dass du hier raus musst?”, sagte sein älterer Sohn Atlas.

“Ja”, antwortete Osswald und bog nach rechts ab. Irgendwie war er desorientiert. Es steigerte sich. Statt in den Kreisel zu fahren, den er schon seit Jahren kannte, gurkte er gerade aus weiter.

Fremde Gegend, falsche Richtung

“Was machst du?”, fragte seine Frau.

“Ich fahre”, muffelte Osswald, dem die ganze Gegend irgendwie vollkommen fremd vorkam.

“Ja, aber in die falsche Richtung”, sagte seine Frau.

“Da drüben geht es rechts ab Richtung Langhurst”, sagte Osswald, “das geht auch.”

“Untersteh dich, du hast doch keine Ahnung mehr. Dreh um.

Osswald drehte um und fuhr dabei fast in den Graben. Als er in die Straße zurück einbog, fuhr er noch einmal beinahe in den Graben. Regen, Dunkelheit, Müdigkeit.

“Bist du sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?”, fragte seine Frau.

“Ja, klar, mir waren eben nur ein wenig die Ohren eingeschlafen. Da habe ich nichts gesehen.”

“Papa sieht mit den Ohren. Da wundert mich nichts mehr”, sagte Distel.

“Ich hätte gedacht, er ist blind”, murrte seine Mutter.

Hör mal, Tod

“Hörst du, Tod”, sagte Osswald, “ich hab nichts gegen dich. Wirklich. Irgendwie gehörst du ja zur Familie. Was lebt, muss sterben. Klar. Aber das Alter ersparst du mir bitte. Dafür darfst du mich vor der Zeit holen. Sagen wir, ein Jahr früher als geplant. Ach was, eine Stunde reicht.”

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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