Osswalds Kosmos: Der Rocker mit dem Kinderwagen – Satire

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Bild: pixabay.com/jonathansautter

Der Rocker mit dem Kinderwagen bewegt die Menschen – mehr, als er wohl selbst ahnt. Und sie auch.

Auf der Brücke

Er ist herausgefallen aus seiner Zeit. Und die liegt 47 Jahre zurück. Trägt einen zerschlissenen Cowboyhut aus Leder, lange, verfilzte Haare, eine Lederhose mit Löchern. Jeden Tag sitzt der Rocker auf der Zauberflötenbrücke – dort, wo’s eng wird und sich jeder Passant dicht an ihm vorbeidrücken muss. Das hilft ihm, sein Wegegeld einzustreichen, das die saturierte Bürgerschaft ihm schuldet. Was ihm vielleicht auch hilft, ist die brüllend laute Rockmusik aus dem Ghettoblaster – obwohl man dieser Beschallung eher entfliehen möchte.

Manchmal schmiegt sich ein Weib an ihn, mit kurzem Rock und langen Beinen und Netzstrümpfen und empfindlichen Löchern darin.

Immer mit Kinderwagen

Immer aber begleitet ihn ein Kinderwagen. Ein alter, mit verbleichtem blauem Stoff und dürren Armen und Beinen. Darin sitzt der Ghettoblaster. Und sein kleiner, weißer Hund, der taub sein muss von dem Höllenlärm den ganzen Tag.

Wenn er sein Wegegeld bekommt, bedankt er sich artig beim großzügigen „Kameraden“.

Osswald hat den Rocker am anderen Ende der Stadt getroffen. Da zieht er mit seinem Hund, seinem Kinderwagen und dem brüllenden Blaster durch die Flaniermeile. Morgens um 10.15 Uhr ist er auf dem Weg zur Arbeit. Heute hört er Beatles, die alten Kracher, die Osswald heute noch unter die Haut gehen wie kaum eine andere Musik. Also folgt er dem Cowboy, der schief in sich versunken durch die Stadt geht, durch die sich teilende Menschenmenge; so, als würde er niemanden bemerken um sich herum. Nicht die Menschen, nicht ihre hochnäsigen und verächtlichen Blicke, ihr Grinsen, ihre bedeutungsvollen Gesten. Auch von rechts und links prallen Hohn und Spott auf den Cowboy und seinen Kinderwagen ein – dort sitzen die betuchten Flaneure bei Kaffee, Sekt und Eis.

Der Rocker muss arbeiten

Der Cowboy kann sich darum nicht kümmern, er muss arbeiten. Osswald folgt ihm dicht auf, auch für ihn teilt sich der Strom der Menschen. Er sieht die Blicke und er kann sich für eine knapp bemessene Zeit in der Illusion baden, er sei so ein Außenseiter wie der Cowboy vor ihm. Die Blicke der Bürger treffen ihn, aber sie können ihm nichts anhaben.

Als Osswald den Cowboy schließlich überholt, drückt er ihm 5 Euro in die Hand. Es war ein Vergnügen, ein Ausgestoßener zu sein – aber es nicht bleiben zu müssen.

Xaver Leonhard Lichtblau

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Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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