Osswalds Kosmos: Der kuriose Wettstreit

Dentist. Foto: pixabay.com/Sam Chen

Das war tatsächlich wie früher – ein Wettstreit der Erzähler; so wie damals, als um die Lagerfeuer der Karawanserei die Geschichten kursierten, und die Erzähler wetteiferten, wer die beste zu erzählen wusste. Bei Osswald waren es gleich drei – und alle gut. Und alle wahr.

Jetzt, gegen Ende des Jahres, hat Paul die blödesten Ideen. Er sagt zu seinem Freund Osswald: „Komm, jeder erzählt seine drei abgefahrendsten Erlebnisse des Jahres. Und wer die bessern hat, lädt den anderen zum Essen ein. Aber wirklich eigene Erlebnisse, hörst du?“

Osswald hört. Natürlich. „Und du darfst anfangen“, setzt Paul noch einen drauf, siegessicher grinsend.

Also fängt Osswald an: „Platz 3. Eva, die Freundin meiner Frau. Du weißt ja, dass Fiammo, unser italienischer Wasserhund, Ende Oktober gestorben ist.“

Ein Mops

Paul nickt.

„Das hat uns ganz schön mitgnommen – vor allem, weil Fiammo so ein toller Hund war und nur sechs Jahre alt wurde. Wie dem auch sei, Trauer währt nicht ewig, zumal wir einen zweiten Hund haben. Und dem gönnen wir gerne Gesellschaft. Wir haben uns hin und her überlegt, ob wir uns wieder einen Wasserhund zulegen wollen. Doch dann kam mein Weib mit der Idee um die Ecke, wir sollten uns einen Mops zulegen.“

Paul: „Möpse sind lustig.“

„Genau“, sagt Osswald, „meine Holde meinte, ich hätte Möpse doch immer so gerne gehabt.“

„Hast du?“

„Ja. Aber wir wollten ein Altdeutschen Mops. Das sind die mit längerer Schnauze und längeren Beinen. Also keine Qualzucht.“

Alles korrekt

„Also immer politisch korrekt.“

„So ist es. Als mein Weib das mit den Altdeutschen Möpsen ihrer Freundin Eva erzählt, lachte die schallend: Was ist denn das?, rief sie, kenne ich nicht. Die einzigen Altdeutschen Möpse, die ich kenne, sind die Brüste meiner Großmutter!“

„Ganz schön herb“, schüttelt Paul den Kopf, „wenn das ein Mann gesagt hätte, wäre das sofort sexistisch gewesen.“

„Stimmt. Aber bei Eva nicht. Die ist nämlich lesbisch“, sagt Osswald.

Paul schaut ein wenig grimmig – das schien schon mal ein guter Start für Osswald gewesen zu sein.

Der zweite Platz

„Platz 2“, fährt der auch gleich fort, „ist meinen Augen gewidmet. Ende des Sommers habe ich mich zweier Cat-OP unterzogen …“

„… und du wirst mir gleich erklären, was das ist“, unterbricht Paul.

„Selbstverständlich. Du kannst es nicht kennen, denn du bist zu jung dafür.“

„Ich bin so alt wie du!“, protestiert Paul.

„Ja, und zu mir sagte der Augenarzt, ich sei bedeutend jünger als der Durchschnitt seiner Patienten. Ich schätze, der liegt bei 79. Aber, wenn es sein muss, muss es halt sein. Cat-OP sind Operationen gegen die Grauen Star. Dabei werden die eingetrübten Linsen herausgenommen und Kunstlinsen eingesetzt. Keine große Aktion, nach zwei Tagen kannst du wieder arbeiten.“

„Was ja das Wichtigste ist“, grinst Paul.

Bitteres Wasser

„Natürlich, als Selbständiger. Was bei der ganzen Sache aber höchst seltsam war, zeigte sich am Tag nach der OP: Das Mineralwasser schmeckte gallenbitter. Das mit Kohlensäure, nicht das Leitungswasser. Ich grübelt lange darüber nach, was es war. Es geschah nach der OP am rechten Auge; und einen Monat später nach der OP am linken Auge. Ich grübelte und grübelte, doch eines Tages hatte ich die Lösung: Es war das Chlor.“

„Das Chlor?“, fragt Paul entgeistert.

„Ja, das Chlor. Damit hatten sie mir jeweils das Auge desinfiziert.“

„Mit Chlor, na danke schön.“

„Kein Ding“, sagt Osswald, „aber offensichtllich ist es irgendwie von den Augen in die Geschmacksnerven gesickert. Und da haben sie eine Woche lang für bittere Geschmackserlebnisse gesorgt. Wann immer Kohlensäure im Spiel war.“

Wie den Wettkampf gewinnen?

Osswald schaut zu Paul hin, der reichlich kariert guckt. Ihm scheint offensichtlich der Glaube an einen Sieg zu schwinden. Wie soller diesen diesen Wettkampf gewinnen?. Beherzt fährt Osswald fort: „Und jetzt kommen wir zum 1. Platz. Meiner Zahnärztin.“

„Ha ha, jetzt erfahren wir alles über die Zahnbehandlungen des fast zahnlosen Osswald.“

„In etwa. Meine Zahnärztin hat die Angewohnheit, mich zu begrüßen, indem sie mit die Hand auf die Schulter legt und mir dann den Oberarm drückt. Ich sitze dann schon im Behandlungsstuhl, sie kommt später hinzu.“

„Schön. Und?“

Es kommt anders

„Vor ein paar Wochen, nach den beiden Augen-OPs, war ich bei ihr wegen einer Routinekontrolle. Ich muss dazu sagen, dasss ich früher im Jahr einen Aufbau auf einem Weisheitszahn verloren hatte, den sie ersetzte; und dass ich unter einer neuen Krone eine aufwendige Wurzelbehandlung hatte über mich ergehen lassen. Jetzt also Kontrolle und Zähne reinigen. Dachte ich. Leider stellte sich heraus, dass unter meiner Brücke im Unterkiefer ein Zahn verfault war. Meine Zahnärztin wollte die Krone entfernen und holte Hammer und Meißel aus der Schublade. „Sie wollen wir doch nicht etwa die Brücke ohne Betäubung herausreißen?“, fragte ich. „Natürlich“, antwortete sie und legte ihre Hand auf meinen Unterarm: „Herr Osswald, ich würde Ihnen niemals weh tun, vertrauen Sie mir. Ich mag Sie. ich mag Sie wirklich.“ Ich war so geplättet, ich ließ sie hämmern und meißeln. Als ich einen Monat später wieder zu ihr kam, um mir den verfaulten Zahn ziehen zu lassen, begrüßte sie mich mit: „Da ist ja der Hübsche.“ Sie brauchte nur halb so viel Narkosemittel wie sonst.“

„Du solltest sie heiraten, Osswald“, sagt Paul.

„Aber erst gehen wir mal essen – und du bezahlst. Oder hast du Besseres auf Lager?“

„Ich passe“, antwortete Paul.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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