Osswalds Kosmos, Der Anzug – Satire

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Bild: pixabay.com/RyanMcGuire

Frau Osswald sucht lieber selbst den Anzug für ihren Mann aus – ehe der wieder wie ein Clown daherkommt. Nur diesmal geht es in die Hose …

Frau Osswald ist noch von der alten Schule – zumindest, was Benimm und Etikette betrifft. Sie liebt Männer mit Stil. Die sich zu benehmen wissen, wie der ollen Knigge das vorgeschrieben hat. Osswald wundert sich stets, dass sie ihn zum Mann nahm – wo er doch auf Etikette so wenig Wert legt. Nun ja, um Benehmen bemüht er sich, das gelingt ihm auch hin und wieder. Aber vom ollen Knigge ist er weit entfernt. Und Anzüge sind ihm ein Greuel. Doch genau ein Anzug muss es jetzt sein, Frau Osswald besteht darauf.

Wie ein Halbgehängter

„Du hast keine vernünftige Stoffhose. Und deine Jacketts sehen zum Heulen aus. Wenn du die anhast, läufst du rum wie ein Halbgehängter!“

Zum Glück also, dass Osswald für seinen Job als Freiberufler in den schluffigsten Klamotten rumlaufen kann, die er im Schrank hat; und davon gibt es viele. Immer noch besser jedenfalls als so ein Affenjob mit Anzugzwang, findet Osswald. Aber es gibt auch einige Anlässe, wo das mit dem Schlabberlook nicht sein darf – zumindest meint das Frau Osswald. Die Einladung nach Mannheim, in ein schickes Restaurant, ist so eine. Frau Osswald und ihre Freundin haben sie ausbaldowert, und anders als bei anderen Treffen, sind diesmal die Männer ausdrücklich willkommen. Die Freundin ist nicht nur die Freundin aus Schultagen, sie ist auch die Anwältin von Frau Osswald. Familienrecht, um genau zu sein. Osswald sitzt also der zukünftigen Scheidungsanwältin seiner Frau gegenüber. Wenn er Pech hat. Also muss er gut gekleidet sein und sich zusammenreißen …

Schick ausgehen

Bevor also das schicke Ausgehen angesagt war, musste es erst einmal einen neuen Anzug geben.

Und weil Osswald eh keinen Geschmack hat, besorgt ihm seine Frau Stoffhose und Jackett. Alles passt prima, Frau Osswald kennt die Ausdehnungen ihres Mannes. Anprobieren muss er trotzdem. Als Osswald das Jackett anzieht, knistert etwas in der Innentasche.

Osswald zieht das knisternde Ding heraus. Es ist ein Din-A-4-Blatt, zweimal in der Mitte gefaltet. Dazu eine leere Packung Vivil-Bonbons.
Osswald faltet den Zettel auseinander. Er zeigt eine schlechte, grisselige Fotokopie zweier halbnackter Frauen. So, wie die Frauen in seines Vaters Fotoalben ausgesehen hatten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – ungekünstelt, rührend naiv und irgendwie antik.

Osswald fragt seine Frau: „Ist der Anzug neu?“

Zwei Mädel, nackig!

„Natürlich!“

Er zeigt seiner Frau die Aktfotografie: „Das war in der Innentasche des Jacketts. Es ist eine Botschaft. Von meinem Vater.“

„Ach Blödsinn! Das ist eine Sauerei.“

Frau Osswald bringt den Anzug zum Händler zurück und holt einen anderen. Der ist völlig langweilig, ohne geheime Botschaften aus dem Jenseits. Und er ist ein wenig überflüssig, zumindest zum Date in Mannheim. Die Scheidungsanwältin kommt nur leicht aufgemöbelt daher, der Mann der Scheidungsanwältin in Pollunder und verbeulter Jeans. Während Osswald aufpassen muss, dass er seinen neuen Anzug nicht bekleckert. Und den Schlips erst …

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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