Osswalds Kosmos, Der Anzug – eine Anekdote

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Bild: pixabay.com/RyanMcGuire

“Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachteiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet oder schon durch so viele Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden und noch öfter sich selber großen Verdruß zuziehn. Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge

So weit also der ehrwürdige Freiherr – Feind eines jeden plauderfreudigen Schriftstellers. Und worum geht es in dieser Anekdote? Um einen Anzug, das steht schon im Titel. Frau Osswald sucht einen für ihren Mann aus – ehe der wieder wie ein Clown daherkommt. Nur diesmal geht es in die Hose …

Frau Osswald schwebt durch das Wohnzimmer. Todschick in ihrer cremefarbenen Kombination. Hose, Weste, Jackett.

“Was ist denn in dich gefahren?”, fragt Osswald verblüfft.

“Ich muss zum Finanzamt. Die spuren nicht so.”

“Aber so schick? Muss ein großes Problem sein, das wir haben.”

“Wir haben immer große Probleme. Vor allem mit den Finanzen.”

“Wenn es mit deiner schicken Nummer nicht klappt, kannst du beim nächsten Mal ja nackig gehen.”

“Haha. Du bist ein Banause, Osswald. Du weißt doch: Kleider machen Leute.”

Osswald redet Blödsinn

“Ja, Freiherr Knigge.”

“Oh mein Gott. Keller. Gottfried Keller. Schweizer Dichter.”

“Stimmt. Hatten wir in der Schule. Ich war aber anderweitig beschäftigt.”

“Das kann ich mir vorstellen. Kleinen Mädchen den Kopf verdrehen.”

“Naja, hehe.”

“Deshalb weißt du auch nicht, wie man sich gescheit anzieht.”

“Eben. Damals ging das noch im blauen Turnanzug mit weißen Streifen.”

Frau Osswald wendet sich zur Wohnzimmertüre, dann bleibt sie stehen und sagt über die Schulter hinweg: “Übrigens sind wir am Samstag nach Mannheim eingeladen. Zu Doro und ihrem Mann. Was hast du eigentlich anzuziehen?”

Ein Schrank voller Anzüge

“Ich habe doch den ganzen Schrank voller Anzüge.”

“Hör mir bloß auf mit deinen Konfirmantenanzügen. Die waren schon bei unserer Hochzeit zu klein.”

“Weib, du fieberst. Ich habe keinen Konfirmantenanzug bei der Hochzeit getragen. Und schon gar nicht mehrere.”

“Papperlapapp! Ich besorge dir einen anständigen Anzug. Du hast ja ein Geschmack wie ein Brauereigaul.”

Osswald stöhnt: “Du kennst unseren Kontostand. Ein ganzer Anzug für ein kleines Essen unter Freunden.”

“Das mit dem Kontostand kommt schon bei. Schließlich gehe ich jetzt zum Finanzamt.”

Schluffige Klamotten

Als Osswald in sein Büro im ersten Stock steigt, ist er wieder mal froh, als Freiberufler in den schluffigsten Klamotten rumlaufen zu dürfen, die er im Schrank hängen hat; und davon gibt es viele. Immer noch besser jedenfalls als so ein Affenjob mit Anzugzwang, findet Osswald. Bei einer Einladung nach Mannheim, in ein schickes Restaurant, diktiert allerdings Frau Osswald den Dress Code. Sie und ihre Freundin haben es ausbaldowert, und anders als bei anderen Treffen, sind diesmal die Männer ausdrücklich willkommen. Die Freundin ist nicht nur die Freundin aus Schultagen, sie ist auch die Anwältin von Frau Osswald. Schwerpunkt Familienrecht, um genau zu sein. Osswald sitzt also der zukünftigen Scheidungsanwältin seiner Frau gegenüber. Wenn er Pech hat. Also muss er gut gekleidet sein und sich zusammenreißen …

Hier kommt der neue Anzug

Bevor also das schicke Ausgehen angesagt ist, muss es erst einmal einen neuen Anzug geben. Frau Osswald kommt damit vom Geschäft zurück.

Alles passt prima, Frau Osswald kennt die Ausdehnungen ihres Mannes. Anprobieren muss er zu Hause trotzdem. Als Osswald das Jackett anzieht, knistert etwas in der Innentasche.

Osswald zieht das knisternde Ding heraus. Es ist ein DIN-A-4-Blatt, zweimal in der Mitte gefaltet. Dazu eine leere Packung Vivil-Bonbons.
Osswald faltet den Zettel auseinander. Er zeigt eine schlechte, grisselige Fotokopie zweier halbnackter Frauen. So, wie die Frauen in seines Vaters Fotoalben ausgesehen hatten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – ungekünstelt, rührend naiv und irgendwie antik.

Osswald fragt seine Frau: “Ist der Anzug neu?”

“Natürlich!”

Er zeigt seiner Frau die Aktfotografie: “Das war in der Innentasche des Jacketts. Es ist eine Botschaft. Von meinem verstorbenen Vater.”

So eine Sauerei

“Ach Blödsinn! Das ist eine Sauerei.”

Frau Osswald bringt den Anzug zum Händler zurück und holt einen anderen. Der ist völlig langweilig, ohne geheime Botschaften aus dem Jenseits. Und er ist ein wenig überflüssig, zumindest zum Date in Mannheim. Die Scheidungsanwältin kommt nur leicht aufgebrezelt daher, der Mann der Scheidungsanwältin in Pollunder und verbeulter Jeans. Während Osswald aufpassen muss, dass er seinen neuen Anzug nicht beschlabbert.

Die Scheidungspapiere

Und während sich die Speisen höchst überschaubar auf großen, weißen Teller gruppieren, herein gebracht von formvollendet gedrillten Knechten, wundert sich Osswald: Doro macht ihm dezent schöne Augen. An seinen Tischsitten kann es nicht liegen. Osswald kämpft jedesmal vergebens mit der Frage, in welcher Reihenfolge er das zahlreich auftretende Besteck benutzen soll; und zu welchen Speisen. Dennoch blinkert ihm Doro zu und spricht mehr zu ihm als zu den anderen. Und irgendwann versteht er dann: Die Familienanwältin hält ihn für reich. Beste Voraussetzung, bald die Scheidungspapiere zu bekommen.

Kleider machen Beute.

Osswald wünscht sich verzweifelt, er hätte die Fotokopie der beiden Nacken noch in der Jacketttasche. Er könnte sie jetzt demonstrativ unauffällig neben seinen Teller platzieren. Sein Vater wird gewusst haben, warum er ihm die Botschaft schickte.

Mehr Osswald. Mehr Satire: siehe rechts

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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