Mulisch, Harry: Die Prozedur

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Harry Mulisch hat eine Parabel über den Größenwahn des Menschen geschrieben – ein großartiges Buch!

Von Rabbi Löw zu Victor Werker

Sie schaffen Leben aus toter Materie – und sie bezahlen bitter dafür. In seinem Buch spannt Harry Mulisch den Bogen vom sagenumwogenen Rabbi Löw, der im Prag des 16. Jahrhunderts den Golem erschuf bis hin zu Victor Werker, einem Wissenschaftler unserer Zeit.

Ein Chemiker erschafft Leben

Werker ist Chemiker und schafft Leben aus toter Materie. Dafür wird er berühmt. Doch wie Rabbi Löw seine besten Freunde wegen des Golem verliert, büßt Werker erst seine ungeborene Tochter Aurora, dann seine Freundin und schließlich sein Leben ein. Löw und Werker wollen Leben schaffen – doch sie bringen den Tod in die Welt. Ein starkes Sinnbild für die Hochmut des Menschen. Und hochaktuell angesichts einer Gentechnik, die Gott vom Thron stürzen und die Menschen unterjochen will.

Mulisch schafft eine atemberaubende Metapher

Mulisch hat eine atemberaubende Metapher geschaffen. Sein Roman atmet eine Sprache, die in ihren Bann schlägt. Ein großartiges Buch – obwohl es seine Schwächen hat. Es ist nicht stimmig konstruiert, Rabbi Löws Erlebnisse stehen unvermittelt und schroff gegen die Victor Werkers. Das Ende kommt plötzlich und ein wenig übertrieben. Auf den letzten Seiten noch einen Thriller und einen Kriminalroman aus dem Hut zu zaubern, ist verwirrend. Und unausgegoren dazu.

Mulisch verzeihe ich hier alles

Und doch, Mulisch verzeihe ich in dieser Geschichte alles. Das Buch fasziniert durch und durch, seine Bilder arbeiten im Herzen und in der Seele weiter. Die Sprache ist von einer einfachen Schönheit, die berauscht. Die knappen und zurückhaltenden Sätze lassen die Geschichte sich herrlich entfalten. Das ist ein ganz anderer Roman, als die amerikanischen Schreibschulen empfehlen; er ist nicht glatt, seine Spannung baut sich langsam auf, sanft, fast hinterrücks. Aber es ist ein Roman, der mit all seinen Ecken und Kanten lebt. So, wie eben die Europäer schreiben. Und in jedem Fall möchte ich ihn zur Lektüre empfehlen.

Biografisches:

Harry Kurt Victor Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem geboren – und starb am 30. Oktober 2010 in Amsterdam. Sein Vater Karl Viktor Kurt Mulisch? war ehemaliger, tschechisch-sudetendeutschen k.u.k-Offizier und Banker, seine Mutter Alice Schwartz? stammte aus Antwerpen und war Jüdin. NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs prägten Harry Mulisch Sein Vater war unter der deutschen Besatzung bei einer Bank beschäftigt, die sich auch um die beschlagnahmten jüdischen Vermögen kümmerte. Karl Viktor Kurt Mulisch? schützte seine Ex-Frau, von der er sich 1936 hatte scheiden lassen, und seinen Sohn vor der Deportation. Nach dem Krieg musste er drei Jahre wegen Kollaboration im Gefängnis absitzen – er war Personalleiter für die Bank Lippmann, Rosenthal & Co, die jüdisches Eigentum arisierte.
In seinen Romanen und Geschichten setzte sich Harry Mulisch immer wieder mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Als bedeutendster Roman gilt die „Die Entdeckung des Himmels“.
Harry Mulisch, Die Prozedur, Verlag rororo; Auflage: 5 (2. Oktober 2000), ISBN-10 349922710X, ISBN-13 978-3499227103, 8.95 Euro.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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