Moravia, Alberto: Die Reise nach Rom

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Alberto Moravia legt in Die Reise nach Rom einen interessanten Roman vor – in seinen Kurzgeschichten gefällt er mir aber besser.
Simple Geschichte, brillanter Moravia

Die Geschichte ist simpel: ein junger Mann reist auf Einladung seines Vaters nach Rom. Seinen Vater hat er lange nicht gesehen, sie haben sich entfremdet, seit die Familie auseinander gefallen ist mit dem Weggehen der Mutter und ihrem Tod schließlich. Auf verstrickte Weise gibt der Sohn seinem Vater ein Gutteil der Schuld am Tod der Mutter, doch die Mutter war es eigentlich, die ohne Rücksicht auf die Familie ihr Leben lebte, das den freizügigen Umgang mit Liebhabern einschloss.

Zwei Frauen im Flugzeug

Das wird dem Sohn in der Wohnung allmählich klar, er sieht die Bilder seiner Vergangenheit wieder, sieht die Mutter wieder ihren Liebhaber lieben. Vater und Sohn kommen sich nicht eigentlich nahe, der Vater versteht es jedoch, sein einsames Leben mit der Frau dem Sohn verständlich zu machen, dessen Mutter sie war.
Zwei weitere Linien hat Moravia noch in seinen Roman eingearbeitet, die ihm ein wenig Spannung verleihen. Zunächst lernt der Sohn im Flugzeug eine Lehrerin und deren Tochter kennen. Beide interessieren sich für ihn, die Mutter will ihn als distanzierten Liebhaber, die Tochter wünscht sich nichts sehnlicher als eine Familie; also soll der Sohn die Mutter heiraten. Der Sohn, eben mit der Rolle als Sohn vollauf beschäftigt, versagt in beidem.

Verführungen im Kopf

Und dann ist da noch die Freundin seines Vaters, die er sich ausgesucht hat, weil sie seiner verstorbenen Frau ähnelt. Die versucht auch noch, den Sohn zu verführen. Doch in dem Roman bleibt so ziemlich alles den Träumen verpflichtet, die Möglichkeiten sind da, scheitern aber an der Vorstellung der Protagonisten, denen die Wirklichkeit zu dröge ist.

Besser in der kurzen Form

Alberto Moravia hat mit der Reise nach Rom einen Roman geschrieben, der nicht der schlechteste ist. Er spielt geschickt mit den Vexirbildern der Fantasie. Und dennoch bleibt er weit hinter den Möglichkeiten zurück, die seine Erzählungen offenbaren. Im Roman ist er einfach bisweilen zu hölzern.

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Aber das ist ja das Elend der europäischen Literatur – dass sie schriftstellerische Potenz nur an den Romanen misst, dass sich die Verlage nur für die literarische Großform interessieren, weil hiermit das Geld gemacht wird.
Wer, wie Moravia, seine eigentlichen Fähigkeiten eher in den kleineren Formen besitzt, in der Erzählung oder den genialen „Romanen in Pillenform“, der hat das Nachsehen; oder er schreibt halt doch traditionelle Romane, notgedrungen. Das ist schade, weil es letztlich den Schriftsteller vergewaltigt.
Im Falle der Reise nach Rom aber hält sich das Unglück für die Leser in Grenzen – weil Moravias Sprache an sich schon ein Erlebnis ist.

Alberto Moravia, Die Reise nach Rom, Roman, Rowohlt Verlag, Reinbek, 287 Seiten, ISBN-13: 978 3 499128325.

Moravia genießen

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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