Das Auge des Mondsees – wunderschöne Märchen vom Zauberer Christian Mörsch

Mörschs Märchen

Bild: pixabay.com/Alexandra

Märchen, die uns fliegen lassen – die schreibt der Wortzauberer Christian Mörsch in Das Auge des Mondsees. Ein Leckerbissen wie alle Mörsch-Bücher.

Mörschs Märchen verleihen Flügel

Christian Mörschs Märchen verleihen unserer Fantasie Flügel – weil er uns zeigt, dass wir unseren Blick nur ein wenig vom Trott des Alltags abwenden müssen, um ein Märchenreich zu entdecken. Ein Reich, in dem wundersame Geschichten passieren; oft mit dem Personal, das uns seltsam vertraut ist und doch, in den neuen Geschichten, auch eine neue Bedeutung und Tiefe erhalten. Das lässt uns vor Glück fliegen. Märchen lassen Flügel wachsen.

 Sicht auf die Dinge ändern

Sie nehmen also uns rationale Menschen an der Hand und ändern nur ein klein wenig unsere Sicht auf die Dinge. Etwa, wenn sie den Protagonisten der Geschichte als Spielfigur eines überdimensionalen Schachbrettes auftreten lassen. Einem Schachbrett, auf dem lebendige Figuren unterwegs sind. Und schnell ist es ein Kampf auf Leben und Tod. Wir sehen danach jedes Schachbrett mit anderen Augen.

Alles wird reicher

Die Geschichten brechen, wie immer bei Mörsch, unsere Sehgewohnheiten auf und mit ihnen unsere Denkgewohnheiten. Sie machen uns ein Stück verspielter. Lebendiger und reicher. Sie sind sehr berührend, weil sie die ganze filigrane Zerbrechlichkeit unserer menschlichen Seelen widerspiegeln. Wie die Geschichte vom Zwerg, der in einem Schuh wohnt. Der Schuh hat überraschend viele Zimmer, und in jedem wohnt eine Geschichte. Katja gerät in den Schuh und in die Geschichte, als sie im Kino sitzt und plötzlich ihre Geschichte auf der Leinwand sieht. Später trifft sie ihre Geschichte im Schuh des Zwerges wieder. Sie versteht plötzlich, dass es immer ihr Herzenswunsch war, bedeutsam zu sein, wichtig. Aber sie lernt beim Zwerg auch, dass die stillen, bescheidenen Geschichten viel schöner sind. Und dass es irgendwo jemanden gibt, der sie und ihre Geschichte mag – auch, wenn sie so gänzlich unbedeutend sind. Das versöhnt Katja mit ihrem Leben.

Wunderschöne Märchen, berührende Geschichten

Berührend auch das Märchen, in dem der Ich-Erzähler rätselhafte Briefe erhält von einem vorgeblich Unbekannten. Die Briefe enthalten eine Geschichte über die Freundschaft, die Verfasser und Empfänger bald gemeinsam schreiben – bis der ich-Erzähler merkt, dass er den Verfasser kennt: Es ist ein Freund aus Kindertagen, den er von 20 Jahren aus den Augen verlor. Aber der sucht nun wieder, auf so leise und scheue wie originelle Art, wieder den Kontakt. Jeder Leser wünscht sich wohl, auch mit ihm träte ein alter, längst verlorener Freund aus Kindertagen so anrührend wieder in sein Leben. Das wäre ein Fundament für eine lebenslange Freundschaft, von der wir doch alle in den Kindertagen träumten.

Wir versteinern

Dass wir den Zauber dieser Freundschaften aus unserem Herzen gelassen haben, zeigt, wie versteinert wir im Laufe des Lebens werden. Christian Mörschs Geschichten sind leicht und tiefgründig zugleich. Sie erzählen direkt und atemberaubend schlüssig von den Möglichkeiten eines gelungenen Lebens. Und sie sind tiefgründig darin, uns in ihrer leichten, ungekünstelten Sprache einen Lebenssinn anzubieten – ohne aufdringlich zu sein. Vieles erschließt sich uns auf den zweiten Blick; den kleinen Blick zur Seite.

Schlichte Schönheit in Mörschs Märchen

Mit ihrer schlichten Schönheit sind diese Märchen einzigartig – Geschichte für Geschichte. Und dem Leser wachsen vor lauter Lust am Leben und Mut, seinen Weg zu gehen, Flügel; die ihn tragen und ihm die Beschwernisse des Gehens gleich wieder abnehmen.

Christian Mörsch, Das Auge des Mondsees, Schweitzerhaus Verlag, Softcover, ISBN 978-3-939475-52-1, 9,80 Euro.

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