Ludger Jorißen, Wüst ist auch schön

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Bild: pixabay.com/Heinz Teuber

Französische Liebesgeschichten, wüst erzählt

Die erste Liebe – ein zartes Sehnen? Nicht so in diesem Band. Da ist das Begehren wild, die Protagonisten brennen, und die Liebe ist wüst. Gut so!

Der Titel verbirgt mehr als er anlockt: „Wüst ist auch schön?“ In der Liebe wohlgemerkt – was heißt hier auch? Ist Liebe nicht immer ein wenig wüst? Und gehört das nicht einfach so? Andererseits: Wir haben es hier mit französischen Liebesgeschichten zu tun. Und da ist nur das Wüste eigentlich schon ein wenig eher Programm als im bedächtigen Deutschland.

Liebe mit Zwischentönen

In den 18 Geschichten des Bandes aber gibt es durchaus Zwischentöne. Jorißen hat hier viele Autoren versammelt, die derzeit in Frankreich einen guten Namen haben – leider aber zu wenig Frauen.

Der Leser findet Erzählungen von Marguerite Duras, Eric Rohmer und Philippe Dijan. Unter anderem.

Ein vergnüglicher Sommerlesespaß, der uns offenbart, wie die oft zitierten Weltmeister der Liebe, unsere französischen Nachbarn, das Spiel der Geschlechter betreiben und beschreiben.

Er begehrt den Teufel

Am ehesten unter die Haut gehen die Geschichten der ersten (unerfüllten) Liebe. Großartiges liefert da beispielsweise Jean Marie Gustave Le Clézio ab. Schon der Titel klingt herrlich trotzig: „Die Zeit vergeht nicht“. Freilich vergeht sie, und dem Autor bleibt nur die Erinnerung an Zobéide, wie er seine kleine Araberin nennt. Einen kurzen, heißen Sommer lang folgt er, der 16-Jährige, ihrem gertenschlanken Gang durch Viertel, prall gefüllt mit Leben. Sie, schon 18, lässt sich auf ihn ein.

Ihr Geruch ist wild

In ihrem Geruch liegt etwas Wildes, das ihm den Atem nimmt, sein Begehen ebenso wie die Liebe wachsen lässt, doch sie sagt von sich: „Ich bin der Teufel ‚ Er hat Angst, dass sie sein Begehren bemerkt. Und er hat gleichzeitig Angst, sie zu verlieren. Beides lässt ihn zittern. Er verliert sie doch, eines Tages ist sie verschwunden. Selbst der Briefkasten an ihrem Wohnblock ist weg.

So streicht er durch die heißen Straßen, auf der Suche nach ihrem Geheimnis. Eine zarte Geschichte, bitter und süß.

Unschuldige Raserei der Jugend

Ähnlich intensiv Philippe Dijans „Wie beim Tode meines Vaters“, eine gekürzte Version der Geschichte, die im Diogenes-ErzähIband „Krokodile“ erschienen ist. Auch hier das Sehnen des Knaben nach der strahlend jungen Frau. Der kurzen Erfüllung folgt Ernüchterung. Dijan fasst die unschuldige Raserei der Jugend in eindringliche Worte.

Und noch ein dritter Autor sei erwähnt – Roland Topor. Er macht den Leser mit den Obsessionen eines Apothekers vertraut; abstoßend und erregend zugleich. Ein intellektuelles Vergnügen ganz anderer Art bereitet Jean Vautrin, der Pierrette Fleutiauxs Geschichte aufnimmt und variiert.

Gelungene Mischung der Geschichten

Alles in allem eine gelungene und köstliche Gewürzmischung aus dem Garten der Liebe.

Ludger Jorißen, „Wüst ist auch schön, Reihe Salto, Verlag Klaus Wagenbach, l24 Seiten, Gebundene Ausgabe, 1. Januar 1996), ISBN-10: 3803111579, ISBN-13: 978-3803111579, 14,90 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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