Lowry, Robert: Die falsche Sanftmut des Schnees

Bild: pixabay.com/Larisa Koshkina

Robert Lowry hat einen Roman geschrieben, der uns lange nicht mehr loslässt. Es ist eine Geschichten von einer sanften Brutalität.

Der Schnee deckt alles zu – auch den Tod

Und dann kommt der Schnee. Sachte, unaufhaltsam, gnadenlos. An einem Januartag im fünften Kriegswinter taumelt er sachte zu Boden und bedeckt ganz Italien. Was ungewöhnlich ist. Bedeckt Deutsche, Engländer, Amerikaner, Italiener. Aggressoren, Verteidiger fremder Vaterländer, Einheimische. Alles um sie herum versinkt unter einem weißen Tuch. Für einen Moment sieht alles so unschuldig aus. Für einen Moment steht die Zeit still, das große Töten scheint den Atem anzuhalten. Die Unschuld, die der Schnee suggeriert, ist jedoch trügerisch. Der Schnee verbirgt die wirklichen Gefahren. Der Krieg ist ein Killer und er lauert auf Opfer. Immer und überall, auch im Schnee. Gerade dort.Und er macht keine Unterschiede, deckt mit dem Tod zu wie der Schnee – alle, alles, unterschiedslos.

Alles zugedeckt vom Schnee

Auch wenn die Kämpfe für kurze Zeit unter dem weißen Mantel der Sanftmut verstummen. Doch schon der Titel berichtet uns davon, die Geschichte beharrt darauf: Die Sanftmut des Schnees ist tatsächlich falsch. Wir erliegen einer Illusion, bestenfalls einer Ahnung von einer friedlicheren Welt. Die Sanftmut täuscht uns. Und die Protagonisten.

Der Schnee bedeckt Gute und Böse

Wie die ganze Kriegsmaschinerie auch. Das ist dem Obergefreiten Joe Hammond, 24 Jahre alt, seit 19 Monaten in Übersee, längst klar. Der Krieg spült Hohlkopfe und Versager in mächtige Positionen, weil sie Beziehungen haben. Und dann sitzen sie da, die Hohlköpfe von Vorgesetzten, und schikanieren die niederen Dienstränge. Ganz einfach, weil das ganze System hohl ist. Daran ändert auch nichts, dass die Amerikaner als Gute gegen die bösen Deutschen kämpfen und die Werte der Freiheit und der Menschlichkeit verteidigen. Das macht es kaum besser, das Sterben fühlt sich nicht anders an, wenn man als Guter stirbt.

Falsche Sanftmut

Die Sanftmut des Schnees ist falsch. Und so eskaliert der ganze Wahnsinn des Krieges und das hohle System von Befehl und Gehorsam gerade in den Stunden, da die Waffen schweigen. Und lässt als Opfer den Obergefreiten Joe Hammond zurück. Der schrieb in seinem Zivilberuf für eine Chicagoer Zeitung Nachrufe. Seinen verfasst ein anderer. Für Joe Hammond kommt das Ende überraschend. Es ist banal. Aber vielleicht besser so, weil es ihm so manches erspart. Vielleicht müssen wir uns den toten Obergefreiten als glücklichen Menschen denken. Jetzt, da alles vorbei ist.
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Papa Ernest Hemingway lobte seinen jungen Kollegen Lowry als Ausnahmetalent. Möglich, dass er das war; mit der falschen Sanftmut des Schnees jedenfalls hat er ein eindrucksvolles Buch geschrieben.

 
Robert Lowry, Die falsche Sanftmut des Schnees, Taschenbuch: 131 Seiten, Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag, (Juni 1998), ISBN-10: 3596137454, ISBN-13: 978-3596137459.
 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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