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Friedrich Strassegger hat mit Goldsteins Geständnis ein Buch geschrieben, das keinen Leser unberührt lässt – es ist die Geschichte eines skrupellosen und doch letztlich erbarmungswürdigen SS-Mannes.

SS-Sturmscharführer Westermayer plant genau

Eines muss man dem ehemaligen SS-Sturmscharführer Hermann Westermayer lassen: Er ging stets äußerst geplant vor. Zu SS ist er nur gegangen, um der Front im Zweiten Weltkrieg zu umgehen. und ins Konzentrations- und Vernichtungslager Belzec aus genau demselben Grund.
Auch seine Flucht am Kriegsende ist eine Meisterleistung an Planung, Chuzpe und Skrupellosigkeit. Schade nur, dass er sich dabei auch noch als völlig herzlos erweist: Er bringt den Juden Daniel Goldstein um, der ihm vertraute. Und schlüpft in dessen Identität. Nach dem Krieg hat Goldstein wiederum keine Skrupel, das Elternhaus des Juweliersohnes Goldstein in München zu Geld zu machen – denn das wurde arisiert, und der SS-Mann Westermeyer ist ja jetzt der arme verfolgte Jude Goldstein.

Goldstein ist ein kaufmännisches Genie

Und so geht es weiter: Goldstein ist ein kaufmännisches Genie. Sein Gespür für gute Geschäfte und sein Geld aus dem Juweliergeschäft setzt er immer besser ein. Nach dem Krieg in ein Elektrogeschäft, das er mit Kompagnons in Frankfurt betreibt und das sich schnell, über die Anfänge als Reparaturwerkstatt für Elektrisches, zu einer florierenden Autowerkstatt für gebrauchte Ami-Jeeps und -Trucks entwickelt.
Als ihm der Boden in Deutschland zu heiß wird, weil ihn ein ehemaliger Vorgesetzter erkennt, setzt sich Goldstein in die USA ab. Auch dort ist er, nach einiger Zeit, wieder erfolgreich – kein Wunder, er hat ja aus dem Geschäft in Frankfurt genug Geld ziehen können.
Privates Glück kommt hinzu – doch seine Familiengeschichte endet tragisch.

Der ehemalige SS-Mann flieht nach Israel

Letzt Station des falschen Juden ist, man glaubt es kaum, Israel. Dort erreicht ihn ein Erpresserbrief aus dem damaligen Jugoslawien. Das, was der reiche und erfolgreiche Geschäftsmann Goldstein immer befürchtet, ist eingetreten: Seine Tarnung ist aufgeflogen.
Goldstein besorgt sich, mit der ihm eigenen Abgebrühtheit, eine weitere falsche Identität, reist in den Ostblock und bringt den Erpresser um.  Doch das Schicksal wendet sich gegen ihn – er wird verhaftet. Jahre später gesteht er seinen Fall einem deutschen Mithäftling.

Strasseggers brillant recherchiertes Buch

Strassegger hat mit Goldsteins Geständnis ein mitreißendes, brillant recherchiertes Buch geschrieben, das sich streckenweise wie ein Kompendium der Kriegs- und Nachkriegszeit liest. Die Fakten sitzen. Der Fall Goldstein beruht auf einer wahren Begebenheit – und obwohl er so einzigartig ist, treffen wir vieles wieder, was die Bundesrepublik in ihren ersten Jahren ausmachte. Etwa die beinahe nahtlose und fraglose Integration der ehemaligen Täter in den jungen Staat. Nicht jeder hat sich allerdings seine Existenz mit einer derartigen Skrupellosigkeit aufgebaut wie Goldstein/Westermayer. Und das Berührende daran ist: Wir gewinnen den ehemaligen SS-Mann fast ein wenig lieb. Auch, wenn wir um dessen Schandtaten wissen. Und das ist die große Kunst Strasseggers: Nicht zu verurteilen, sondern einen Menschen in seiner ganzen Komplexität erstehen zu lassen.
Absolut lesenswert!

Friedrich Strassegger, Goldsteins Geständnis, ISBN 9783854762874.

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