Means David, van Gunsteren Dirk: Coitus. Stories

pixabay.com/Khusen Rustamov

Wer das perfekte Kunstwerk sucht, die Geschichte ohne Makel – der könnte bei David Means Coitus landen.

Geschlechtsakt & Wortkunst

Nun, die Verbindung von Geschlechtsakt und Wortkunstwerk ist auf den ersten Blick vielleicht atemberaubend. Was, zum Teufel, hat der plumpe Akt – das Schieben, Pumpen, Stöhnen, Schwitzen – mit Kunst zu tun? Gut, wir alle kennen den ein oder anderen mehr oder weniger gelungenen Versuch, die körperliche Liebeskunst zweier Menschen in Worte zu fassen und ihr ein ebenbürtiges Wortkunstwerk zu errichten. Meistens misslingt das. Entweder ist die Wortkunst zu plump pornografisch. Oder die Liebeskunst der Protagonisten ist eher Leibesübung. Ganz brauchbar für ein schnelles, scharfes Glück; mehr aber nicht. Und eher bemitleidenswert als mitreißend.

Coitus ist mitreißend

Coitus ist auch auf den zweiten und dritten Blick mitreißend. Ich habe das Buch zwei Mal gelesen, die Titelgeschichte noch ein paar Mal mehr.
Sie ist unglaublich.
David Means gewinnt in dieser Geschichte des simplen Geschlechtsaktes eines Liebespaares eine Tiefe, die sich so leichthändig entfaltet, wie es nur große Kunst vermag. Nichts ist gekünstelt. Nichts gestellt. Nichts ist zerredet. Da bumsen zwei Menschen; ja. Aber was sich daraus an Metaebenen entwickelt, welche Bilder des Todes plötzlich den Mann überschwemmen, wie er mit der Erinnerung an seinen vor langer Zeit im Fluss ertrunkenen Bruder geflutet wird, wie er sich den Bildern stellt, während er seine Geliebte vögelt, wie sie wimmert, seine entrückte Augen liebt; aber seine Augen sind entrückt, weil er den Tod sieht, hört, spürt, magisch anzieht; auch und gerade während der Liebe.

Der Todesreigen

Während er also auf der einen Seite diesen Todesreigen durch seine Seele fluten lässt, beobachtet er andererseits scharf und völlig losgelöst und nüchtern den Raum, in dem sich seine Geliebte und er dem Liebesakt hingeben.
„Doch das ist eine andere Geschichte, denn beim zweiten oder dritten Zustoßen (ist es ein Zustoßen oder eine Welle, eine auf bestimmte Breitengrade beschränkte Bewegung?) heben sich die Vorhänge erneut, blähen sich, werfen Falten, und er dreht den Kopf zur Seite und nimmt sie mit fast geschlossenen Augen als weiße Wellen von Licht, Raum und Luft wahr; Vorhänge, die seine Frau für das alte Haus genäht hat, das erste, das sie gemeinsam bewohnt haben (…) und dann endet er sich wieder Ellen zu, sein Kinn berührt für einen Augenblick das ihre, ein Summen steigt aus ihrer Kehle, er spürt das Vibrieren ihres Kehlkopfes – und weit, weit entfernt erklingt das leise Stöhnen der Sirene eines Bootes, eines Schleppers, der einen Lastkahn zu den Kalksteinbrüchen bei Haverstraw zieht. (…)“

Das Buch ist verdammt hart

Es ist unglaublich. In diesem Parlando der Geschichte, das dahingleitet wie ein träger Sommersonntag und in dem trotzdem jedes Wort stimmt, liegt ein ganzes Leben; das sich für ein paar Minuten mit dem eines anderen Menschen verbindet.
Nach diesem Akt sind die beiden nicht mehr dieselben. Und der Leser ist es auch nicht.
Das ganze Buch ist so. Du wirst es nicht nebenher lesen. Es wird dich erschüttern. Es ist verdammt hart. Aber du wirst es lesen – wenn dir dein Leben lieb ist. Denn Coitus ist ganz große Kunst, in der sich Körper, Geist und Seele berühren. Wer will schon weniger?

David Means, Coitus, Stories, Dumont Buchverlag, Auflage: 1 (23. August 2005), ISBN-10: 3832178694, ISBN-13: 978-3832178697.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

Kommentar verfassen