Irving John: Letzte Nacht in Twisted River

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John Irving hat wieder ein opulentes, sehr genau recherchiertes Buch geschrieben – Letzte Nacht in Twisted River. Es nimmt spät wirkliche Fahrt auf; dann aber mächtig.

John Irving macht keine halben Sachen

John Irving musst du lieben. Sonst hast du es verdammt schwer mit seinen Büchern. Denn der us-amerikanische Autor schlägt dich als Leser vollständig in seinen Bann. Und manche wollen sich nun mal nicht so ganz auf einen Geschichtenerzähler einlassen.

Beim guten alten John gibt es keine halben Sachen: Die Geschichten kratzen an unseren Träumen. Sie wollen nicht, wie wir das wollen. Sie sind widerspenstig. Und spinnen uns ein in die eigentümlich gewundenden Schicksalslinien ihrer Protagonisten, die immer nur einen Feind haben: das ganze, große, beschissene Leben selbst. Komm mal gegen so einen Gegner an.

Keine Chance

Aber die großen und kleinen Helden, die John Irving erschafft, nehmen tapfer den unmöglichen Kampf gegen dieses gottverdammte Leben auf; um einen kleinen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Und ein klein wenig Gerechtigkeit zu bekommen. Es kann ja nicht gerecht sein, dass ausgerechnet immer nur sie eine vom Schicksal auf den Hut bekommen.

Aussichtsloser Kampf

Klar, den Kampf verlieren sie; wer kann schon gegen das Leben gewinnen? Das war immer schon da. Und wird immer da sein. Auch wenn die Leute, von denen Irving erzählt, der Erzähler selbst und alle Leser längst weggeweht sind von diesem Planeten. Aber Irvings Helden scheitern mit einer unzerstörbaren Würde. Und das macht seine Romane zu Perlen.

Irvings opulente Werke

John Irving musst du lieben – schon deshalb, weil du sonst seine opulenten Werke nicht erträgst. Und manche skurrilen Einfälle des Autors.

Im Buch Letzte Nacht in Twisted River geht es wieder so richtig Irving-typisch zur Sache: Tusch, Fanfare – und gleich eine Leiche. Und obwohl wir Angel Pope, den 15-jährigen Jungen aus Kanada, gar nicht kennengelernt haben bis zu diesem Zeitpunkt, geht uns dessen Tod gewaltig gegen den Strich. Und unter die Haut.

Das darf doch nicht wahr sein: Lassen die Flößer den Grünschnabel auf die gefährlichen Stämme, als sie die auf dem Twisted River zusammentreiben. Klar, dass Angel nicht schnell und geschickt genug seine Füße bewegt auf den rollenden Baumstämmen; wie soll er das auch gelernt haben? Und zack ist er weg. Und wen es von den Stämmen fegt, der ist wirklich ganz und gar weg. Zerquetscht oder ertrunken oder beides.

Ein paar Leseanker

Ein paar Leseanker werden auf den folgenden Seiten noch ausgeworfen, damit die Leser bei der Stange bleiben. Und sie wissen ja, weil sie den Klappentext gelesen haben, dass bald etwas noch viel Schrecklicheres passiert mit dem Koch und seinem Sohn Dany.

Und dann breitet John Irving eine typische feinverästelte Landschaft aus, wie wir sie oft in seinen Romanen finden. Hier lernen wir wirklich alles über das Flößerhandwerk in Maine und New Hamshire in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 100 trockene Seiten müssen die Leser schon erst mal durchstehen. Dann geht die Post ab.

Besser im Fachbuch

Schön, denken wir uns bei den 100 Seiten. Wenn uns die Flößerei zur damaligen Zeit wirklich interessieren würde, dann kauften wir uns ein Fachbuch darüber.

Nun, wir verstehen andererseits auch, dass einiges an Beschreibung notwendig ist. Um Lokalkolorit, Stimmung und Zeithintergrund zu schaffen. Und ganz nebenher die Lebensgeschichte vom Koch und seinem Sohn erstehen zu lassen.

Aber musste es wieder so dickpastig sein?

Ein wenig schlanker wäre hier sicher hilfreich gewesen. Immerhin hat der Roman 736 Seiten.

Seine Leser, die sich durch die ersten zähen 100 Seiten gekämpft haben, belohnt John Irving dann aber mit einer rasanten Geschichte. Und, natürlich, mit jeder Menge bizarre sexuelle Erlebnisse und anderer Eigentümlichkeiten des täglichen Wahnsinns.

Nun ja – John Irving musst du lieben. Auch für dieses Buch …

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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