Küsschen: Gespräch mit Rudolf Wahl

Bild: Bruder Lustig

 

Hier lest ihr eines der wilden Interviews von Krüger mit längst Verstorbenen – diesmal: Rudolf Wahl, Kunstmaler in der kleinen Stadt. Zu finden ist es in dem Buch Küsschen für die kleine Stadt.

Rudolf Wahl

Dem Kleinstädter Künstler war nur eine kurze Lebensspanne vergönnt. Er starb am 14. März 1906, gerade einmal 31 Jahre alt. In seinem kurzen Leben brachte es der Künstler und Autodidakt auf kaum einen nennenswerten Erfolg: Er zeichnete ein bisschen, krakelte ein paar Postkarten zusammen, gab ein wenig Geigenunterricht. Die einzige nennenswerte Hinterlassenschaft ist die „Huldigung des Gambrinus“ (Gott des Bieres) in der Brauereigaststätte im Löwengässle. So sah das, was er tat, zumindest in den Augen seiner bürgerlichen Zeitgenossen aus. Dennoch ließen sie ihn nicht verkommen: Immer wieder versuchten sie, mit mildtätigen Gaben wie Mahlzeiten oder wenig Brennholz zu helfen. Wahl aber lehnte trotzig ab, saß statt dessen in Mantel, Schal und Hut in seinem Zimmer und hungerte. Das frühe Ableben des kunstsinnigen Mannes verhinderte niemand: Wahl starb an Lungentuberkulose. Ein stolzer Preis für die Kunst. Nach seinem Tod versank Wahl in Vergessenheit.
Das ist schade – denn in ihm schlummerten Talente, die sich bei günstigerem Verlauf wunderbar entfaltet hätten; da bin ich sicher. Die Zeichnungen offenbarten einen feinen, sensiblen Strich und ein gutes Auge. Ich habe ihn herbeigerufen. Unterhalten wir uns mit ihm.

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Heute schon gelacht?

Krüger: Herr Wahl, heute schon gelacht?
Wahl: Blöde Frage. Überhaupt: Was tischen Sie mir da für einen Scheiß auf? Was habe ich denn mit einem Drachen zu tun?
Krüger: Nichts.
Wahl: Na eben!
Krüger: Haben Ihnen die Geschichten denn gar nicht gefallen?
Wahl: Nein!
Krüger: Aber die eine Geschichte müsste Ihnen doch gefallen haben. Immerhin spielt Musik hier eine Rolle. Und auch die ist eine Kunst.
Wahl: Schon alleine Ihre Frage zeigt mir, wie unendlich eitel Sie sind, mein Herr!
Krüger: Und Sie sind das nicht?
Wahl: Nein!
Krüger: Kommen wir zu etwas völlig anderem. Bedauern Sie Ihre Entscheidung, Künstler geworden zu sein?
Wahl: Quatsch, warum sollte ich?
Krüger: Nun ja, Sie haben es sich ja ziemlich schwer gemacht. Nichts zu essen, kein Brennholz und die wohltätige Verachtung der Bürger.
Wahl: Ich hatte einen Traum.
Krüger: Gut, den haben viele.
Wahl: Aber ich habe ihn gelebt!
Krüger: Stimmt. Sie waren schon immer radikal – wenn ich an Ihre Flucht aus dem Gymnasium denke. Nach zwei Jahren hat man Sie in Ungarn wieder aufgestöbert und nach Hause gebracht. Schon damit haben Sie sich doch alles Chancen auf ein Studium und einen bürgerlichen Beruf verbaut.
Wahl: Ach Gottchen, schauen Sie sich doch mal die aufgeblasenen Pfeffersäcke an. Wollen Sie so werden?
Krüger: Ich bin so. Jedenfalls bin ich kein Künstler, ich ernähre mich bürgerlich.
Wahl: Ihr Problem, wenn Sie so ein Jammerlappen sind.
Krüger: Neigen Sie nicht ein wenig dazu, die Schuld an Ihrem Scheitern anderen zu geben?
Wahl: Ich bin nicht gescheitert! Außerdem sind die anderen Schuld an meiner prekären Lage – sie hätten ja nur meine Gemälde kaufen müssen.
Krüger: Wenn Sie das so sehen.
Wahl: Ja, das sehe ich so! Ich bin ein Genie. Keiner hat den Gambrinus gemalt wie ich.
Krüger: Das stimmt. Keiner hat ihn je gemalt, schon gar nicht vor einem Kleinstädter Panorama. Nicht vor Ihnen und nicht nach Ihnen. Keiner eben.
Wahl: Weil niemand erkannt hat, welch ein Genie der Gambrinus war.
Krüger: Er hat das Bier erfunden.
Wahl: Eben! Überlegen Sie. Welche Erfindung!
Krüger: Stimmt. Ohne Bier wär‘ vielen Leuten ziemlich langweilig. Da müssen Sie sich nämlich plötzlich mit ihrem hohlen Innenleben beschäftigen. Das schüttet man doch lieber mit viel Bier voll.
Wahl: Sie Korinthenkacker, Sie!
Krüger: Ganz nach Belieben …
Wahl: Ohne Bier wäre das Leben nüchterner, pfäffischer, furchtbar, bäh!
Krüger: Seit wann sind Pfaffen nüchtern?
Wahl: Immer.

Sinnenrausch und Suff 

Krüger: Sie setzen jetzt aber Sinnenrausch mit Suff gleich.
Wahl: Na und? Wissen Sie, wie ich die Heller zusammenkratzen musste, um mir mal einen anständigen Rausch anzutrinken.
Krüger: Kann ich mir denken. Das spräche wieder für einen bürgerlichen Beruf. Da hätten Sie mehr saufen können.
Wahl: Und müssen! Pfui Spinne. Ich könnte doch gar nicht so viel saufen, wie mir schlecht wäre – vom Katzbuckeln.
Krüger: Das geht wohl manchem so.
Wahl: Sehen Sie.
Krüger: Hätten Sie’s in der heutigen Zeit nicht einfacher?
Wahl: Als Zeichner? Nein.
Krüger: Aber mit den modernen Möglichkeiten wäre doch mehr drin. Computer. Scaner, Internet.
Wahl: Das ist doch nur wieder eine Gaukelei – dass jeder nämlich alles kann und alles darf. Das stimmt doch nicht. Außerdem überdeckt die moderne Technik doch nur, wie inwandig hohl die Menschen heute sind. Um Sie mal zu zitieren, Sie Klugscheißer!
Krüger: Oho!
Wahl: Ja!
Krüger: Jetzt werden Sie aber zum bürgerlichen Moralapostel.
Wahl: Blödsinn. Das Internet potenziert nur den Schwachsinn, der eh‘ schon in der Welt ist. Das müssten Sie als Journalist doch wissen.
Krüger: Erfrischend, wie Sie Ihr Rebellentum auch im Jenseits durchhalten. Scheint ja ziemlich liberal zu sein, wo Sie gerade sind.
Wahl: Geht Sie gar nichts an.

Der Chef hat Sie doch kleingekriegt

Krüger: Aber letztlich hat Sie der Chef doch kleingekriegt, oder? Haben Sie nicht ausführlich Gott gelästert und als Erfindung der Pfaffen bezeichnet? Und jetzt genießen Sie seine Vollpension und stänkern unbeirrt weiter.
Wahl: Erstens ist der Gott, von dem die Pfaffen sprechen, sehr wohl eine Erfindung von ihnen. Sie würden sich wundern. Und zweitens sind Sie ein Depp. Mit Ihnen spreche ich nicht mehr.
Krüger: Herr Wahl, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Wahl: Sie können mich mal, werter Herr!
Aus: Klaus Krüger, Küsschen für die kleine Stadt …

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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