Der Löwe ist los von Max Kruse – eine starke, zeitlose Geschichte

Max Kruse, Der Löwe ist los

Bild: pixabay.com/PublicDomainPictures

Mit und ohne Augsburger Puppenkiste – Max Kruses Der Löwe ist los erzählt eine Geschichte, die auch nach über 50 Jahren so frisch ist wie am ersten Tag. Manche Sequenzen des Buchs sind nahezu dadaistisch in ihrer Sprache …

Kruses Klassiker

Kann man sich Max Kruses Kinderbuchklassiker Der Löwe ist los von 1952 tatsächlich ohne die so bayerisch wie anarchische Umsetzung der Augsburger Puppenkisten vorstellen? Aber natürlich – denn die Augsburger waren klasse, ohne Zweifel. Aber sie waren nur kongenial. Die Genialität der Geschichte stammt von Max Kruse. Und die kommt immer noch am besten rüber, wenn wir sie lesen.

Glück muss man haben

Wobei eines aus klar ist: Die meisten Menschen kennen den Löwen wohl als Schauspiel der Puppenkiste. Und ohne die Umsetzung für Marionetten und die Ausstrahlung im Hessischen Rundfunk wäre Kruses Buch nicht solch ein Erfolg geworden. Glück muss der Mensch eben haben. Aber Kruse hat ihn verdient; das ist auch klar.

Starke Geschichte

Andererseits ist die Geschichte einfach stark. In der Anarchie einer Perspektive, die sich radikal an die Sicht aus Kinderperspektive hält. Und die Frechheit, einfach einen Roman zu schreiben, in dem die Tiere und die Kinder das Sagen haben, und erwachsene höchstens hilfreich und nett sind – aber ohne die Kinder und Tiere aufgeschmissen. Oder die Erwachsenen sind doof oder fies. Und in dem die Tiere, wie selbstverständlich, reden können.

Der Löwe ist los – ein unübersichtlicher Erzählstrang

Und noch etwas anderes ist anarchisch: Die anfangs schier unüberschaubare Menge an Personen, die gleichberechtigt und nebeneinander auftreten, kurz handeln, dann wieder verschwunden, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Eine erkennbare, logische Handlung gibt es oft nicht. Das ist ein großes Gewurstel und hätte keine Chance, in einem der heutigen auf Erfolg gebürsteten Kinderbücher zu erscheinen. Das macht Kruses Löwen so wohltuend anders. Vor allem für Kinder, die ganz andere Genüsse aus Geschichten ziehen als Erwachsene. Logik? Pfft! Und noch etwas: Manche Sequenzen sind nahezu dadaistisch in ihrer Sprache …

Starke Sätze im Löwenbuch

Und was die Sprache betrifft, so finden wir Sätze, die ein unglaubliches Eigenleben besitzen, die stark sind und manchmal einfach erratisch nebeneinander stehen. Das gibt ihnen einen Hauch von Dada. Kostprobe: „Heute morgen haben sie es im Radio gesagt.“ „Haben sie auch gesagt, ob Löwen nur Riesen, Antilopen und Menschen fressen oder auch Hunde?“, fragte Wu (der Hund).

Wie entstehen Gerüchte?

„Natürlich auch Hunde“, sagte Frau Wisstihrschon. „Das dachte ich mir“, knurrte Wu. Er sah zum Fenster hinaus und sagte besorgt. „Ich glaube, es gibt Regen!“ Währenddessen hofft der Rabe Ra, dass Löwen nicht fliegen können. So macht sich jeder so seine Gedanken über den entflohenen Löwen und spinnt Theorien. Ganz nebenbei ist es auch ein Lehrstück über die Frage, wie Angst entsteht (und wie irrational sie ist, wenn man nix weiß, aber viel fürchtet. Und noch mehr quatscht.) Und wie sich Gerüchte aufbauen.

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Ab in die Heimat

Auf den ersten 48 Seiten entwickelt sich das muntere Spiel von Flucht vor dem Löwen und manchmal nur vorgetäuschter Löwenjagd. Bis sich herausstellt, was jeder schon ahnt: Dieser Löwe ist harmlos. Jedenfalls ist er lieb zu Kindern und Tieren. Am Ende der ersten Geschichte fährt der Löwe mit dem Boot nach Afrika – in seine Heimat.

Den Sultan retten

Aber es gibt mehr als eine Geschichte – und fast immer taucht der Löwe wieder auf. So hilft er den Kindern und dem Kakadu Ka auf der Papageienfresserinsel und am Schluss, als das Buch dann wirklich zu Ende geht. Ist er auch noch dafür gut, einen Komplott gegen den Sultan von Sultanien aufzuklären und zu verhindern – natürlich wieder zusammen mit den Kindern. Löwe bleibt dann beim Sultan, so viel sei aus den nachfolgenden Büchern schon verraten.

Viele verrückte Ideen

Ein amüsantes Buch voller verrückter Ideen und einprägsamer Charaktere; voller atemberaubender Verwicklungen und fintenreichen Lösungen. Es wieder mal zu lesen, mit den ganzen Bildern aus dem Stück der Puppenkiste, ist höchst amüsant und empfehlenswert; auch für große Kindsköpfe.

Max Kruse, Der Löwe ist los, gebundene Ausgabe: 158 Seiten, Thienemann Verlag, ISBN-10: 3522168852, ISBN-13: 978-3522168854, 9,90 Euro.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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