Klaus Wagenbach (Hg.): Ita­lienische Liebesgeschichten

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Bild: pixabay.com/vandermerwejolene9

Die Ouvertüre des schmalen Bändchens italienischer Liebesgeschichten setzt Giorgio Manganelli – wer sonst. Eignet sich doch der Auszug aus den »Irrläufen«, jenen Romanen in Pillenform, ganz famos dazu, die 13 Geschichten auf den Punkt zu bringen: Oft haftet ihnen ein Zug ins Grotes­ke an, und Manganelli ist ein Meister der schnoddrig dahinerzählten Ungeheuerlich­keiten. Also: Ein Herr liebte eine junge Dame drei Tage lang wie wahnsinnig. Seine Ange­betete liebte ihn zurück, gar 20 Minuten länger. Und aus dieser Konstellation spinnt Manganelli nun ein Feuerwerk von Aber­witz, das sich genau an jenen 20 Minuten entzündet.

Eine Jugendliebe

Wer das übertrieben findet, der schaue sich einmal an, worüber in Partnerschaften ge­meinhin gestritten wird. Auch hier nur Unge­heuerlichkeiten. Nach Geschichten von An­tonio Tabucchi, Luigi Malerba und Natalia Ginzburg setzt Goffredo Parise einen ersten Höhepunkt. Sein »Cuore: Herz« thematisiert eine Jugendliebe. Sie hatten sich geliebt, als das Mädchen 12 Jahre alt war und nun flammt sie, eher durch Zufall, wieder auf. Das Mäd­chen ist nun eine Frau und seit langem verhei­ratet. Einen wunderschönen Satz lesen wir hier: »Sie redeten, vor allem sie, sehr intelli­gent und naiv, wie im Märchen, in einfacher und sehr klarer Sprache.«

Doch alles, was menschlich ist, taucht auf und verschwindet – so lieben sie sich vier Jahre lang und dann kommt sie nicht mehr zu ihm und er hört nichts mehr von ihr. Eine Geschichte von heiterer Melancholie.

Zu wissenschaftlich-philosophisch gibt sich Italo Calvinos »Mitose«. Es geht ums Spiel der Chemie und des Protoplasma bei der Liebe. Die ganze chemische Kakophonie – über 13 engbeschriebene Seiten getrieben – endet in einem einzigen Satz von Gewicht: In dem nämlich Priscilla Langwood auftritt, der Autor könnte sich schließlich in sie verlieben, wie er mutmaßt.

Erzähler der Ebenen

Gianni Celati, der Erzähler der Ebenen, und seine Geschichte einer Rad­fahrerin, ist ein weiterer Glanzpunkt des Buches. Mit welcher Beharrlichkeit der abgewiesene Verehrer die Rennfahrerin verfolgt, und wie lakonisch Celati darüber schreibt, das ist meisterhaft. Eine Novelle im besten Wortsinn schließlich liefert Gesualdo Bufa-Jino ab: Was sich der Rückkehr Eurydikes tatsächlich in den Weg stellt, verraten wir nicht. Die italienischen Autoren, wie sie hier versammelt sind, neigen zur moralischen Be­trachtung nach der eigentlichen Erzählung – auch, wenn das ein wenig erstaunt. Leider sind entschieden zu wenig weibliche und jüngere Autoren in dem schmalen Bändchen versammelt. Antonio Tabucchi ist der jüng­ste und der ist 1943 in Pisa geboren. Wagen­bach hätte hier ruhig ein wenig wagemutiger sein können und nicht nur auf große Namen setzen sollen, deren sonstiges Werk er oft selbst verlegt.

Doch trotz der kleinen Mängel: Salto versam­melt ganz exquisiten Lesestoff – für Herz und Hirn.

Klaus Wagenbach (Hg.): Ita­lienische Liebesgeschichten –
Berlin: Verlag Klaus Wagen­bach (Reihe Salto); 95 Seiten.   

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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