Erich Kästners brillante Märchennovelle Don Quichotte

Erich Kästner

Bild: pixabay.com/Unsplash

Ein prima erzählter Don Quichote für Kinder – vom großen Erich Kästner. Sehr frisch und besser als so manches, was wir heute serviert bekommen!

In seinen unbekannteren Nacherzählungen gelingen Erich Kästner Meisternovellen für Kinder – wie im Don Quichotte.

Kästners Nacherzählungen

Im Werk Erich Kästners gehen manchmal seine märchenhaften Nacherzählungen unter. Viele kennen Pünktchen und Anton, Das fliegende Klassenzimmer und Emil und die Detektive. Weniger bekannt sind aus seiner Feder der gestiefelte Kater und Don Quichotte. Man sollte sie lesen – denn sie zeigen einen Erzähler Kästner von urwüchsiger Beredsamkeit. Seine Nacherzählunmgen entwickeln ein ganz eigenes Leben. Sie sind schlicht großartig.
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Brillantes Vorwort des Erzählers Erich Kästner

Schon alleine das Vorwort für den Don Quichotte ist ein Genuss: Dort erfahren wir, dass Willibald Pfannenstiel aus Barmen-Elberfeld mit seinem Schicksal rundherum zufrieden ist. Kästner hat das einer Illustrierten entnommen. Willibald Pfannenstiehl arbeitet und lebt gerne als Vertreter für Rasierklingen. Das, schreibt Kästner weiter, ist heute und zu allen Zeiten höchst selten. Die meisten Menschen möchten lieber etwas anderes sein – so wie der arme spanische Edelmann Don Quichotte. Der wäre viel lieber ein edler Ritter in blitzender Uniform gewesen.
Womit wir mitten in die Geschichte hinein springen – zumindest, wenn das Vorwort zu Ende ist.

Weltliteratur lesenswert eingedampft

Erich Kästner schafft es, einen zweibändigen Roman von jeweils mehreren 100 Seiten der Weltliteratur auf gute 100 Seiten einzudampfen. Und – der hoch geschätzte Quichotte-Autor Miguel de Cervantes Saavedra möge es verzeihen – nach dem Lesen von Kästners Kurzversion hat man erst einmal nicht das Gefühl „hier fehlt was!“ Im Gegenteil, man fragt sich, was steht eigentlich noch im großen europäischen Epos?

Verrückte Anarchie von Quichotte und Panza

Nun gut, das ist ein wenig ketzerisch, denn Cervantes‘ Don Quichotte ist ein prall gefülltes Buch voll irrwitziger Abenteuer. Er ist für schlichte Gemüter, die sich nur nach Unterhaltung sehen, ebenso lesenswert wie für den Obergescheiten, der uns sagen kann, dass Cervantes hier geschickt die schon damals längst vergangene Welt der Ritter auf die Schippe nahm. Puristen und studierte Neunmalkluge mögen diese Verkürzung verzeihen.
Aber nun Kästner: Er schafft es, in seinem Kinderbuch, diese Weltliteratur für die großen Leute in einer Geschichte für die kleinen Persönlichkeiten unter seinen Lesern wieder erstehen zu lassen.

Klapperdürrer spanischer Edelmanne

Die verrückte Anarchie des klapperdürren spanischen Edelmannes Quichotte und seines rundlich-gemütlichen Dieners wider Willen, Sancho Panza, sind vortrefflich geschildert. Wir gleiten direkt in die Stimmung hinein. Der Schalk des Sancho Panza gibt Kästners Buch die rechte Würze. Wobei wir das so klapprige wie eigenwillige Pferd des Don, Rosinante, nicht vergessen dürfen.

Miguel de Cervantes Saavedra

Und wer so weit gekommen ist, der sollte sich das Nachwort der Gräfin Schönfeldt zu Gemüte führen. Hier erfahren vergessliche Zeitgenossen viel Neues über Kästner; die anderen erinnern sich an die Lebensdaten des Autors.

Etwas schade

Nur eines ist schade: das Nachwort haben die Leser schnell erreicht, so flott ist das Buch durchgelesen. Was wiederum sein Gutes hat – schließlich hat heute kaum jemand mehr gescheit Zeit; schon gar nicht die Kinder. Zum Lesen. Lesen wir ihnen also vor – Kästners Don Quichotte eignet sich wunderbar dafür. Und vielleicht greift dann irgendjemand später zum Original – das wird Miguel de Cervantes Saavedra auf seiner Wolke im Dichter-Paradies sicher freuen.

Erich Kästner, Don Quichotte, Dressler Verlag; Auflage: 2., Auflage (Februar 2001), gebundene Ausgabe: 112 Seiten, ISBN-10 3791535870, ISBN-13 978-3791535876, 7,50 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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