Jutta Bissinger, Um fünf am Stadtbuckel

Bild: Klaus Krüger

Jutta Bissinger, Journalistin aus Offenburg, hat ein anrührendes Buch über ihre Heimatstadt geschrieben.

Ein Buch voller Anekdoten

Wenn einer von draußen in die Ortenau kommt, ist er ein Riiiigeschmeckter, ein Reingeschmeckter. Das ist in diesem Landstrich Badens wie überall anders auch in dieser Flickerlteppichrepublik erst mal einmal Grund, ihn kritisch zu betrachten; und eher abzulehnen. Es sei denn, er bringt echt was mit: Ruhm, Geld oder andere Segnungen, von denen sich der Einheimische etwas verspricht. Dann bricht die Liebe zum Reingeschmeckten fast eruptiv hervor.
Andererseits behaupten viele Zugezogenen, sie erkennten sich daran, dass im anderen plötzlich so etwas wie Weltläufigkeit, ein weiter Horizont oder gar Kultur aufscheint; was der badische Mensch nun einmal nicht habe – dazu sei er zu ich-bezogen, der Badener an sich; sagen die Zugezogenen.

Badische Urtypen

So sind sich eigentlich der badische Ureinwohner und der Dahergelaufene herzlich spinnefeind und keiner schenkt sich dem anderen etwas. In Offenburg, ganz Baden, bleibt die Abneigung aber eher unter der Decke diffuser Ausdruckslosigkeit. Man gibt sich vordergründig nett, das war’s dann aber auch schon.
Bei Jutta Bissinger war das ein wenig anders; wohl deshalb, weil sie das Glück hatte, schon als relativ junger Mensch ins Badische, nach Offenburg gar, gekommen zu sein.Einfach, weil ihre Eltern dorthin gezogen sind.
Auch das ging nicht reibungslos ab – denn die neue Stadt und die Menschen dort waren der gebürtigen Ostwestfälin Jutta (Jule) Bissinger völlig fremd.

Tolle Bücher für Kinder schreiben!

Seltsame Sprache – Badisch

Es hätte pittoresk sein können – wenn sie nicht plötzlich hier hätte leben und sich in dieser seltsamen, krausen Sprache verständlich machen müssen. Hamberle, Muggeseggele und Bibiliskäs – ja, zum Teufel, was ist denn das? Wer jetzt erwarten würde, Offenburger schwätzten gelegentlich einmal Hochdeutsch – pfui Spinne; nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Diese eigentümliche Sprache, das Badische Offenburger Prägung, ist der ganze Stolz der Ureinwohner; wie die Dahergeloffenen lernen müssen.
Doch Kinder sind biegsam, die kleine Jule lernte schnell und passte sich an. Und lebt mittlerweile fast 40 Jahre in Offenburg.

Offenburg als zweite Heimat

Das Städtchen ist dann doch so etwas wie ihre zweite Heimat geworden; vielleicht sogar die erste. Ihre Liebe zu den Offenburgern hat Jutta/Jule auch entdeckt. Und weil eine Journalistin ja schreiben kann, hat sie die Liebe in ein kleines, herzerfrischendes Buch gepackt. Es steckt voller Schnurren und Anekdoten; aus einer Zeit, als man dort noch Schlitten fuhr, wo heute das Stegermattbad ist (fast mitten in der Stadt). Und wo noch so eine herrliche – und jetzt leider abgeschaffte – Segnung wie eine Straßenbahn durch die Hauptstraße ratterte (und nicht stinkende Busse im Minutentakt wie heutzutage).
Das Buch ist also eine Fundgrube für jeden Offenburger und jeden, der es werden will oder muss – sei er ein Ur-Badener oder Riiiigschmeckter.
Vielleicht bauen solche liebevollen Büchlein ja doch ein wenig die Barrieren ab, die heute noch da sind – zwischen den beiden  Gruppen.

Xaver Leonhard Lichtblau

Jutta Bissinger, Um fünf am Stadtbuckel, Wartberg Verlag, ISBN-10: 3831324174, ISBN-13: 978-3831324170.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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