Jürgen Heimlichs schwieriger Krimi Die schüchterne Zeugin

Krimi: Schüchterne Zeugin

Bild: pixabay.com/Alexandra

Reichlich unausgegoren kommt Jürgen Heimlichs Buch daher. Die Figuren sind mitunter arg unglaubwürdig gezeichnet. Ein Krimi, der nicht funktioniert.

Die Gier nach Sex

Bei diesem Buch müssen wir ein paar Denkfesseln abstreifen. Sie sind dafür zu eng.

Fessel 1: Ein Krimi – nein, ist es eigentlich nicht. Gut, es kommen ein paar Leute gewaltsam zu Tode, Kriminalkommissare ermitteln und bringen die Täterin auch zu Strecke. Aber das ist Nebensache. Die Hauptsache ist der Sex.

Immer nur Frischfleisch

Die böse Gier nach dem erotischen Kick, nach Frischfleisch, bestimmt die ganze Geschichte. Darum geht es der Täterin – wenn auch ziemlich verdreht und eher als Antithese. Darin sind, als scheußliche Exemplare der Spezies Mann, die Opfer verstrickt. Und damit schlägt sich auch der Kommissar herum, den seine Frau verließ und der endlich mal wieder Sex braucht. Das mag menschlich sein, bringt uns aber auch keinen Erkenntnisgewinn.

Sexuelle Erfüllung

Oder höchstens den, dass es im Leben nicht um Gut und Böse, um Gesetzesbruch und Strafe, sondern nur um den ultimativen Kick sexueller Erfüllung geht. Kein Wunder, dass der Fall eher nebenher abrollt, allerdings mit der eigentümlichen Affäre zwischen Täterin und Kommissar. Das ist wohl das Ergebnis, wenn etwas anderes mit dem Mann denkt als sein Gehirn.

Wenig Logik

Fessel 2: Die Logik – nein, eigentlich keine. Wenn Fritzi, der Landstreicher, der auf der Straße Dostojewski liest, der Polizei erklärt, dass sie beim Opfer mal seine Online-Kontakte sichten soll, was zu dem Zeitpunkt auf der Hand liegt, dann erstarrt alles vor Bewunderung vor solch genialen Gedanken. Kein Wunder, wenn Fritzi dann in der Geschichte ein wichtigster Ermittler wird.

Schüchterne Zeugin – unfreiwillig komisch

Das ist entweder unfreiwillig komisch oder soll wohl Persiflage auf die Polizei sein. Aber eines ist es nicht: logisch. So dumm ist die Polizei nicht, so schlau in Computerdingen kein Mensch, der auf der Straße lebt. Das ist gut gemeintes Wunschdenken, passt so undifferenziert hier nicht her. Und die Polizei macht sich komplett lächerlich. Oder was halten Sie davon? Fitzi, der Obdachlose: (…) „Jedenfalls denke ich, dass wir diese Frauen (mit denen das Opfer über die Webseite Liebessehnsucht Kontakt hatte) ausfindig machen, und uns mit ihnen unterhalten sollten. Das wäre zumindest mein Ermittlungsansatz.“
Der Mann hat eine Menge drauf, dachte Chefinspektor Kneiffer. (…)
„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“, riss Fritzi Schuck (der Obdachlose) (Chefinspektor) Kneiffer aus den kühnsten Träumen (von dem makellosen Körper der Witwe des Ermordeten). „Ja, natürlich“, sagte Eduard Kneiffer und nickte anerkennend. „Sie könnten durchaus recht haben mit Ihrer Vermutung, dass diese Homepage liebessehnsucht dot com der Schlüssel zum Erfolg ist.“

Tausendprozentig sicher?

„Für mich ist die Sache sogar tausendprozentig sicher“, sagte Gruppeninspektor Peter Keller. „Fritzi hat mir die Augen geöffnet. Er sollte in den Polizeidienst eintreten …“
Wir befinden uns hier an einem frühen Zeitpunkt der Ermittlung. Kein Polizist würde sagen, etwas sei tausendprozentig sicher – wenn es nur Vermutung ist.

Wenig entwickelte Charaktere

Fessel 3: Ein Roman – nein, eigentlich nicht. Zum Roman gehören Charaktere, die stimmig entwickelt werden und die man als Autor erst einmal zur Entfaltung kommen lässt – ehe der Mord geschieht. Oder sie sonstwie handeln. Bei der Täterin werden wir direkt in die Tat geworfen, ihre Motive werden nur oberflächlich angedeutet. Später werden sie dann klarer, aber wir nehmen den ersten Mord, der eigentlich ein Unglück war, eher unbewegt zur Kenntnis.

Das Opfer kommt schlecht weg 

Wir haben kaum Antipathie für das Opfer (was wir nachträglich bekommen, wenn Fakten über den Mann bekannt werden). Wir haben keine Sympathie für die Täterin; was ganz offensichtlich gewünscht ist. Der Mord dürfte erst geschehen, wenn wir verstehen, warum die Täterin so überhitzt reagiert. Sie hätte zumindest nach dem ersten Schlag mit der Eisenstange in die Weichteile fliehen oder erst mal abwarten können, was der Angreifer macht. Statt dessen erschlägt sie ihn.

Zu wenig Informationen über die Täterin

Kurz vor der Tat bekommen wir noch die Information verpasst, die Täterin wäre vor kurzem beinahe vergewaltigt worden. Das ist der verzweifelte Versuch eines Autors, doch schnell noch Mitleid und Verständnis für eine Frau zu wecken, die dabei ist, einen Mann, der sie bedrängt und der sie wohl vergewaltigen wird, wenn sie sich nicht wehrt, mit einer zufällig herumliegenden Eisenstange platt zu machen.

Satire auf die Polizei?

Was ist das Buch dann? Wer mal wieder herzhaft über die dumme, triebgesteuerte Polizei lachen will, der soll es lesen. Oder auch diejenigen, die sich für ungeahnte Spielarten der Besessenheit interessieren. Sex makes the world go round.
Vielleicht aber sollte man das alles wirklich als Satire begreifen.
Jürgen Heimlich, Die schüchterne Zeugin, 118 Seiten, 12,90 Euro, Arovell Verlag, ISBN-10: 3902547855, ISBN-13: 978-3902547859.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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