Jonathan Raban, Neue Welt: Ein Gelehrter auf Reisen

Ein Gelehrter segelt um die Welt

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Wenn ein emeritierter Professor für Englische Literatur eine Reise tut – dann kann der Leser was erleben! Meist ist es sein blaues Wunder.

Wir empfehlen Charles Bukowski

Es genügt beinahe schon das erste Kapitel, genannt „Die Atlantikpassage“, um als Leser zu wissen, woran man mit Raban ist: der ehemalige Dozent für Englische Literatur in Norfolk (Alte Welt) und heutige Schriftsteller in Seattle (Neue Welt) weiß Bescheid. Natürlich füllt er nicht 182 Seiten nur mit seinen Einsichten, natürlich beobachtet er auch Land und Leute, das schon – aber sein angelesenes Wissen plustert sich stets pünktlich an den richtigen Stellen. Das macht er durchaus kurzweilig.
Er schafft es schon, seine Leser in den geschmeidigen Mantel seiner Sprache zu hüllen.

Raban fehlt die verspielte Neugierde

So witzig er aber plaudert, so tief der Brunnen seiner Kenntnis auch sein mag: dem Herrn vom Katheder fehlt genau das, was einen modernen Schriftsteller ausmacht – die verspielte Neugierde auf Neues. Rabans Ernsthaftigkeit und Belesenheit gestattet ihm keine echte Erkenntnis. Er stellt die Auswanderung der Europäer ins gelobte Land Amerika dar und findet, oh Zufall, just im rechten Moment die Bestätigung für deren Erleben und Gefühl bei sich selbst. Raban erinnert sich dann an Zitate von berühmten Amerikareisenden oder er liest sie nach; Stevensons Passage, die dieser im 19. Jahrhundert schrieb, ist so ein Beispiel.

Professor Raban glänzt mit seinem Wissen

Er fällt Raban in die Hände, während er auf dem modernen Atlantik-Dampfer angenehm dahingleitet. Auch ein Orkan erschüttert den Luxusliner kaum, dafür hat der gelehrte Autor wenigstens Gelegenheit, einige nautische Daten zu referieren. Immer in der Überzeugung, dass der Leser noch weniger Ahnung von der Seefahrt hat als der Autor selbst. Oder wie wär’s mit einem kleinen Spritzer Geografie, gewürzt mit Meeresbiologie: „Hier trifft das kalte Wasser des nach Süden ziehenden Labradorstroms auf das warme Wasser des Golfstroms, bevor dieser nach Osten in Richtung Europa schwenkt. Diese plötzliche Mischung von kalt und warm erzeugt den kühlen Dunst, in den dieses Gebiet fast ständig eingehüllt ist. Außerdem erzeugt sie jenes unruhige, zirkulierende, sauerstoffreiche Wasser, in dem Krill und Zooplankton gedeihen: und die Nahrungskette, die mit Krill und Zooplankton benötigt, endet mit Kabeljau, Walen und dem Menschen.“ Wir wünschen guten Appetit.

Wenn ein Gelehrter auf Reisen selbstherrlich die USA erkundet

Der kenntnisreiche Pfau stolziert vom Zielhafen New York ein bisschen im Land umher, nach Alabama, in den Nordwesten, dann nach Florida und er schlägt sein Rad in der Neuen Welt. Damit ihn auch ja jeder wahrnehme. Er probiert dabei aus, meint der Verlag in seiner Begleitprosa, wie es denn ist, ein Amerikaner zu sein. Wahrscheinlich fiele den Bewohnern der glitzernden Neonwelt die Antwort darauf selbst recht schwer. Solch halbherzige Maskerade hat ja Tradition an den Brutstätten des universitären Geisteslebens: Dort beschäftigen sich analytische Philosophen ganz ernsthaft mit der Frage, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

Wir empfehlen immer noch Charles Bukowski

So lassen wir Prof. Raban gerne spekulieren über Einwanderer, Auswanderer und all die amerikanischen Tugenden. Als gutes Gegengift empfiehlt sich an dieser Stelle Charles Bukowski. Der kennt seine Amerikaner nur zu gut und der Blick vom Boden der Bar hoch ins Gesicht der Zecher, Ausgebrannten und Scheinheiligen war immer schon die beste Schule fürs Leben.

Jonathan Raban, Neue Welt. Eine Amerikanische Reise, gebundene Ausgabe: 482 Seiten, List Verlag 1990, ISBN-10: 3471785485, ISBN-13: 978-3471785485

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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