Ivan Klima, Liebe und Müll

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Bild: pixabay.com/Hans Braxmeier

Mit Galgenhumor dem kommunistischen Alltagsterror trotzen: Ivan Klima hat sein autobiografisches Buch „Liebe und Müll“ zu den Zeiten des Eisernen Vorhangs geschrieben. Aber es ist so aktuell wie eh und je.

Die Amerikaner konnten ihn nicht verstehen: Wie war er nur auf die Idee gekommen, aus ihrem gelobten Land nach Hause zurückzukehren, in ein Land, in dem Armut und Unterdrückung herrschen? Der Autor antwortete, Vielleicht ein wenig leichthin, erlebe lieber zu Hause in der (damaligen) Tschechoslowakei und kehre dort die Straße, denn in seinem Land sei er ein bekannter Schriftsteller, in den USA aber nur ein Einwanderer, dem man großmütig und ein wenig von oben herab beim Leben helfe.

Straße kehren in Prag

So kam es dann: Ivan Klima kehrte in sein kommunistisches Heimatland zurück und er kehrte – als namenloses Ich – tatsächlich die Straße und das bringt ihn in Straßen und Gegenden von Prag, in die er sonst nie gekommen wäre; weniger aus Notwendigkeit kehrt er die Straße, als vielmehr, um der staatlichen Gängelei zu entgehen und um nebenbei auch eine Sicht auf den Alltag zu entdecken, die ihm bislang versperrt war. Klima gibt in seinem autobiographischen Roman eine Beschreibung seines Landes vor der Wende; wie er da saß und schrieb, trotz Veröffentlichungsverbot – ohne die Hoffnung, dass seine Texte je gedruckt würden, und wie er dennoch beharrlich blieb. Das Idealbild des Künstlers also.

Die eigene Geschichte ist immer die beste

Literarisch bekennt Klima, warum er autobiographisch schreibt, nach den langen Jahren, in denen er atemlos unterwegs war auf der Suche nach guten Geschichten: ihm war plötzlich klar, dass er wohl kaum eine bessere Geschichte finden würde, als seine eigene.

Die Toten ins Leben zurückschreiben

Dabei war sein eigentlicher Antrieb, in früher Jugend, ein anderer gewesen: als er nach dem Krieg erfahren hatte, dass beinahe alle seine Verwandten von den Nazis vergast worden waren wie Ungeziefer, ließ er sich von seiner Mutter Schreibhefte mitbringen und schrieb Geschichten, in denen die Toten zu neuem Leben erwachten.

Damit war aber auch ein wesentlicher Nutzen für ihn verbunden, auf solche Weise bannte er die Gespenster der Ermordeten, die ihn Nacht für Nacht in seinen bitteren Träumen verfolgten und schließlich krank werden ließen. Ein ähnlich heilsames Schreiben könnte wieder mit dem Buch „Liebe und Müll“ vorliegen; Klima schrieb‘ sich hierin nicht nur die Demütigung niederer Tätigkeit von der Seele, er reflektiert auch sein Privatleben. Und das ist wirr genug; einerseits liebt er seine Frau, andererseits ist er in eine heftige Affäre mit einer Bildhauerin verstrickt.

Schwere Kämpfe des Autors: Liebe und Müll

Das geht nicht spurlos an ihm vorüber und erst nach schweren Kämpfen, die er auch schriftlich austrägt, weiß er, wohin er gehört. „Liebe und Müll“ ist ein seltsames Buch: Klima vermischt die unterschiedlichen Ebenen, zu denen nicht nur die Ebene der beiden Frauen gehört, sondern auch die des Straßenkehrens und Erinnerungen an seinen Vater und an seine frühere Tätigkeit als Redakteur – unvermittelt gehen sie ineinander über. Das mag zunächst einmal verwirrend erscheinen, es erleuchtet aber auch so manche Zusammenhänge und liest sich ausgesprochen reizvoll.

Ende des Fegens, Ende des Kämpfens

Das Straßenkehren ist ihm wichtig als reinigende Tätigkeit in einer Großstadt, als Selbstreinigung und als eine Tätigkeit, die ihm wichtige Ansichten verschafft – und doch hört er eines Tages damit auf und hängt die orangene Narrenjacke an den Nagel.

Klima gibt Einsichten in ein Land, das erstarrt war, in dem die Mittelmäßigkeit und die Willkür regierten und die Intelligenz die Straße kehrte. Wie tragisch für ein Land. Das ist mit de Fall des Eisernen Vorhangs vorbei und könnte als reinigender Rückblick abgehakt werden, wenn die Mechanismen nicht in jedem Regime virulent wären. Und – sind sie das nicht auch in unserer satten Demokratie, die es sich erlaubt, beste Leute in Hartz IV versauern zu lassen?

Liebe und Müll zeigt ein Überleben in einer ungemütlichen Zeit.

Taschenbuch: 224 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Mai 2005), ISBN-10: 3423133309, ISBN-13: 978-3423133302, 9 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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