Igor Popolonsky lebt gefährlich

 

Geheimnisvoll geht es bei den Zauberern zu.                 Foto: Klaus Krüger

 

 

 

 

 

Eigentlich hörte sich der Auftrag der Hexe Siebenwurz ganz einfach an. Doch für den kleinen Zauberer Igor Popolonsky kommt es knüppeldick. Da hat er echt was zu beißen …

Noch eine Minute. Oh mein Gott! Dann war auch diese Arbeit zuende, und Igor Popolonsky war noch nicht einmal bei der zweiten Frage angekommen. Jetzt war endgültig Schluss, und seine Lehrerin Siebenwurz sammelte die Arbeiten ein. Als sie bei der letzten Bank angekommen war, sagte sie sanft: „Du darfst deinen Stift weglegen, Igor, die Zeit ist um.“

Es würde sein wie immer: Im Fach Zauberkunde würde wieder nur ein wohlwollend vergebener Punkt bei der schriftlichen Arbeit herausspringen. Er würde in die praktische Prüfung in Zauberkunst gehen müssen. Ob es wieder einmal reichen würde für die Versetzung?

Noch viel Platz

„Da ist aber noch viel Platz auf deinem Blatt“, sagte Siebenwurz und lächelte. Sie tippte mit dem Zauberstab auf das weiße Papier – und das füllte sich, Satz für Satz, mit Igors Handschrift. „Du weißt das alles“, sagte Siebenwurz, „es fällt dir nur schwer, es auszudrücken.“

„Oh Danke, Frau Siebenwurz“, hauchte Igor überrascht.

„Obwohl du ein ausgesprochen guter Zauberer bist, und mir um deine praktische Prüfung nicht bange wäre.“

Siebenwurz schaute ihn mit ihren stahlblauen Augen für einige Sekunden an. In ihren Augen lag Sanftmut. Davon durfte man sich aber nicht täuschen lassen – sie konnte stahlhart sein. Doch davon war hier nicht die Rede, was Igor Popolonsky maßlos verwirrte.

Ein kleiner Gefallen

„Weiß du, Igor, du darfst mir gerne auch einen Gefallen tun“, sagte die Oberhexe, als sie das Klassenzimmer verließen. „Wie du weiß, kandidiere ich gegen Sebastian Petermännchen um das Amt des Erzoberzauberers; oder, in meinem Fall, der Erzoberhexe.“ Igor nickte. „Es war nicht meine Idee, meine Freunde haben mich gedrängt, dem finsteren Treiben des Herrn Petermännchens Einhalt zu gebieten.“

Igor nickte wieder und sagte: „Das wäre gut“, obwohl er keine Ahnung hatte, wie finster das Treiben des Herrn Petermännchens denn war. „In drei Tagen haben wir unser Zauberduell im großen Amphitheater.“
„Ich weiß“, erwiderte Igor, „aber das gewinnen Sie doch locker.“

„Locker wohl nicht. Petermännchen arbeitet mit allen Tricks, ich muss vorbereitet sein. Nun ja, und jetzt bittet er mich darum, zu unserer Freundin in der Menschenwelt, Lehrerin Cäcilia Zimperlich, zu fliegen und ihm ein Buch über berühmte Menschenzauberer für unsere Bibliothek zu besorgen. Könntest du das für mich erledigen, Igor? Das würde mir sehr helfen.“

„Aber gerne, Frau Siebenwurz. Ich weiß nur nicht, was ich machen muss, um zu Frau Zimperlich zu fliegen.“

Drei Zaubersprüche weiter

Ein paar Anweisungen und drei Zaubersprüche später war Igor Popolonsky auf seinem rosa Zauberbesen durch das linke Nasenloch der Hexe Lioba Lederhaut geflogen, der man hier, auf der Zauberinsel Lapislazuli, eine steinerne Statue hingestellt hatte. Das linke Nasenloch war innen hohl, aber das musste man wissen. Und zum Hineinfliegen brauchte Igor den ersten von drei Zaubersprüchen. Er hob den Schutzzauber auf.

Flug durch die Hexe

Der Flug durch den steinernen Köper der Hexe dauerte nicht lange, anschließend kam eine lange Röhre, die erstaunlich leicht zu fliegen war, obwohl sie einige Kurven hatte. Dann geriet er in einen alten Schrank. Es war der Schrank der Lehrerin Cäcilia Zimperlich, die in der kleinen Stadt unterrichtete. So viel hatte ihm Frau Siebenwurz verraten. Alles locker, dachte sich der kleine Zauberschüler, gleich bin ich da. Unvermittelt prallte er in etwas Großes, Haariges. Es schleuderte ihn fast vom Zauberbesen, er krallte sich in letzter Sekunde daran fest. Igor hing schief auf dem Besen. Und sah ein Monster vor sich. Es zischte, glühende Augen starrten ihn an. Zwei ekelhaft behaarte Fangbeine schossen vor und griffen nach ihm, ein böses Maul voller Fangkrallen kam näher – Igor schaffte es gerade noch, einen scharfen Haken nach links zu fliegen und durch die sich schließenden Fangarme hindurch zu schießen. Es war dämmrig hier, aber dass unter ihm eine riesige Spinne hockte und nach ihm hakelte, das sah der kleine Zauberer doch.

Aber es war wie verhext: Igor flog um mehrere Kanten im Schrankinnern, um der Spinne zu entrinnen – aber immer wieder lauerte sie plötzlich wieder nach ihm, ihre haarigen Beine kamen ihm bedenklich nahe. Entweder war das hier ein scheußlicher Zauber oder die Spinne gab es gleich ein Dutzend Mal, so schien es dem kleinen Zauberer. Igor war das aber eigentlich egal – er wollte nur raus hier.

Um die nächste Ecke

Er düste auf seinem rosa Zauberbesen um die nächste Ecke im Schrank: da sah er einen fahlen Lichtschein vor sich. Der kam von den beiden Schubladen im Schrank. In der Mitte war das Licht am stärksten – wie eigenartig. Denn dort war gar keine Schublade. Doch das alles wusste Igor nicht. Und es war ihm auch einerlei – er suchte verzweifelt den Ausgang. Also schoss er auf das starke Licht zu. Dann gab es einen Knall, und alles wurde dunkel. Igor fiel in Ohnmacht. Als er wieder aufwachte, blickte die Lehrerin Cäcilia Zimperlich auf ihn hinab. Igor lag in ihrem Flur – sie ahnte ja nicht, dass sie einen Zauberschrank hatte, der ein geheimer Zugang zur Welt der Zauberer war. Frau Siebenwurz hatte sich immer aus ihrem Schrank heraus geschlichen und immer an ihrer Haustüre geklingelt, wenn sie ihre Freundin Zimperlich besuchte. »Aha«, sagte Frau Zimperlich, »ein außerordentliches Spinnentier mit Zauberhut.«

»Unsinn!«, rief Igor – aber er hörte zu seinem Entsetzen, dass er nur leise zischte. Er schaute an sich herab – er hatte sich in eine Spinne verwandelt. Vielleicht war er zu schnell durch den verhexten Schrank geflogen. Oder seine Berührung mit der scheußliche Spinne hatte ihn verwandelt. Er wusste es nicht.

Ins Terrarium

Und obwohl Igor mit allen acht Beinen strampelte, steckte Lehrerin Zimperlich ihn ins großen Terrarium der Schule. Da war er die Attraktion – denn kein Kind hat jemals zuvor eine große Spinne mit langen weißen Haaren und einem Zauberhut gesehen.

Am andern Tag fragte Erzoberzauberer Petermännchen, ob Kollegin Siebenwurz schon an das Buch der Kollegin Zimperlich gedacht habe? „Alles in Arbeit“, sagte sie und lächelte hintergründig. Zehn Minuten später rief sie bei Kollegin Zimperlich an; mit ihrem magischen Membraphone, das sich mit jedem Telefon verbinden konnte. Nach einigem Hin und Her wussten die beiden Damen, wohin Igor Popolonsky verschwunden war und wer sich hinter der Spinne verbarg.

„Nicht anrühren, ich komme“, sagte Frau Siebenwurz. Sie wählte dazu einen Weg in die Menschenwelt, der ganz sicher ungefährlich und nur den Lehrern vorbehalten war.

Zurück auf die Zauberinsel

Siebenwurz packte nach einem Kaffeeklatsch den kleinen Zauberer in einen Trankportbox und reiste auf die Zauberinsel zurück.

Dort ließ sie gegen Petermännchen Anklage erheben. Igor Popolonsky kam als Beweisstück Nr. 001 in die Asservatenkammer. Der Prozess zog sich 13 Jahre dahin. Danach erhielt der kleine Zauberer seine Freiheit und sein Aussehen zurück und ein Ring Blutwurst als Belohnung.

Man überschüttete ihn mit Angeboten. Aber er verließ die Zauberschule, gab seine Zauberkraft zurück und wanderte in die Menschenwelt aus. Dort schippe er im Zoo die Löwenkäfige sauber. Schlimmer als ein Beweisstück Nr. 001 zu sein war auch Löwenkacke nicht.

Das ist Dein Ding