Herr Holz

Foto: pixabay.com/Gerd Altmann

Manchmal sind die Dinge anders, als wir denken. Und Raucher werden schneller gesund. Das ist sicher – vor allen Dingen im Krankenhaus … eine Satire

Sind Sie das Außenband? Natürlich bin ich das Außenband, das sieht man doch: wie ich den neonhellen Flur des Krankenhauses entlanghumple, auf die Schwester mit dem strengen Gesicht zu. Ich habe meinen Namen weg, der mich die nächsten Wochen begleiten wird. Das Außenband.

Geschieht mir recht – wer sich so dämlich anstellt und sich auch noch einen Riss des rechten Außenbandes zuzieht, ist selbst dran schuld.

Das bunte Schweißband

Ich sprang spät abends in die Jogginghose, verzierte meine Denkerstirn mit einem bunten Schweißband und wetzte los. Hatte den ganzen Tag verplempert – und jetzt musste es wenigstens ein Läuflein sein. Schön blöd.

Als ich loslief, an diesem regnerischen Spätnovember, war es finster und kalt.

Es ging alles glatt, trotz der diesigen Schwaden, die vor meiner Brille tanzten. Nur einmal, auf dem Rückweg, hätte ich beinahe einen Metallpfosten umgerannt, der am Ende des Radweges stand. Ich stoppte und wischte meine Brille sauber.

Zu viel Durchblick

Ich hätte es nicht tun sollen: Kurz vor der Garage, durch die ich, stilecht, in meine Wohnung gelangt wäre, erkannte ich eine alte Frau auf dem gegenüberliegenden Gehsteig. Sie hatte die Kapuze gegen den kalten Regen hochgeschlagen, ich hätte kurz hinter ihr die Straße queren müssen; um mich ihr, tapptapp, keuchkeuchkeuch, von hinten zu nähern. Doch, wer will schon, akustisch ausgewiesen als Lustmörder, hinter alten Damen herrennen in kalten Novembernächten?

Ich wollte es nicht, zögerte eine Sekunde zu lang und trat einen halben Schritt zu kurz. Blieb hängen mit dem Absatz meines rechten Joggingschuhs, knickte über den Bordstein, platschte der Länge nach auf den schmutzigen Asphalt.

Das Sprunggelenk

Oh Scheiße! brüllte ich, als ich es im Sprunggelenk krachen hörte. Ich griff an meinen Knöchel, hielt ihn hoch über meinen Körper und schielte zur alten Dame – sie hatte sich in den nächsten Hauseingang geflüchtet. Den Lustmörder hatte sie ausgetrickst.

Dann kommen Sie mal, sagt die strenge Schwester im Flur des Krankenhauses. Dreht sich geschickt auf den scharfen Absätzen herum und stöckelt vor mir her. Ich wundere mich, dass sie nicht steckenbleibt mit den Absätzen, wenn sie solcherart Löcher ins Linol zirkelt.

Eine Zimmertüre knapp vor der Schwester fliegt auf, und heraus stürzt ein alter Mann, sein Gesicht weiß wie griechischer Schafskäse.

Scheiße und Schafskäse

Ich habe mich vollgeschissen, ich habe mich vollgeschissen! jubelt er, und der Duft von Scheiße umweht ihn wie einst der Mantel des Triumphes Napoleon.

Die strenge Schwester, der ich zum Zimmer des Alten folgte, humpelnd und in gebührlichem Abstand, bohrt ein zweites Mal Löcher ins Linol, als sie sich scharf abwendet. Sie schnippt mit der rechten Hand, zwei Schwesternschülerinnen werfen sich auf den Scheiße bespritzten Patienten, haken ihn unter und schleppen ihn rückwärts ins Zimmer. Er verliert einen Schlappen dabei.

In das Zimmer bringe ich Sie nun doch nicht hinein, murmelt die Schwester in einem unerwarteten Anfall von Güte.

Sie legen mich, das Außenband, also ins Arztzimmer, zwei Doktores frühstücken geräuschvoll im kleinen Nebenraum – ich habe seit 11 Stunden nichts gegessen. Eine jüngere Schwester heißt mich ausziehen, alles, eine andere passt mir das schmalbrüstige Totenhemd an, eine dritte zapft mir Blut ab, eine vierte rasiert mein Bein. Oder ist es immer dieselbe Schwester, und ich bringe langsam alles durcheinander? Mir ist ganz schwindelig vor Hunger.

Beste Schwester

Wie dem auch sei, die vierte Schwester gefällt mir am besten. Einer der beiden Ärzte hat sein Frühstück beendet und fragt mich schmatzend, wie viel ich gewöhnlich rauche und trinke. Sein Schmatzen endet jäh, ganz bleich ist er im Gesicht. Meine Antworten trägt er mit einem roten Stift in eine Liste ein. Zittert seine Hand? Schließlich hört er mir die Herztöne ab – ob ich noch lebe? Der zweite Arzt erklärt mir an einer bunten Tafel, wo sie bald bei mir herumschnippeln werden. Und welche Nerven sie dabei durchtrennen. Wenn ich Pech habe. Wenn ich Pech habe, bleibt etwas steif. Am Fuß. Der Arzt grinst albern, die rasierende Schwester errötet. Ich bin unter die Sado-Maso-Mediziner gefallen. Na prima!

Dann erröte ich vor Wut, als sie sich aufrichtet, und ich mein rechtes Bein sehe: staksig und weiß. Nein, das Bein gehört mir nicht, die blöde Schwester hat an einem Storch ihren ladyshave probiert. Ich fluche stumm.

Brille runter! bellt die strenge Schwester, die ich nicht kommen sah, und zwei ihrer weiblichen Leibeigenen rollen mich und das Bett unter den Neonröhren des Flurs hindurch.

Der gnädige Schleier

Ein gnädiger Schleier hüllt mich ein, die hellen Röhren hängen wie fluoreszierende Weißwürste über mir. Besucher des Krankenhauses glotzen auf mich herab.

Vor dem Operationssaal wenden sich die beiden Engel ab, und lassen mich meinen letzten Gang alleine gehen. Der stählerne Schlund des Aufzugs verschluckt sie – winkt eine? Es stöhnt; sie schieben ein Bündel Mensch, an dem sie gerade ihre Meisterschaft verfeinerten, aus dem OP.

Ich kenne Sie, schnarrt ein grüner Kaftan, aus dem ein Kopf schaut. Meine stumpfen Augen sehen nur die grüne Aura der Farbe und, ganz droben, einen hellen Fleck. Dort muss das Gesicht sitzen. Himmel hilf!

Ausziehen, verlangt lakonisch der Kaftan. Muss das sein? Und überhaupt – was ist hier eigentlich los? Werde ich nicht am rechten Außenband operiert und baumelt mir das nicht ganz da unten am Fuß? Egal. Sie wollen mich nackt, zum Teufel, sie sollen mich nackt bekommen.

Habe ich schlecht geschrieben?

Sie sind bei der Zeitung, fährt der grünumflorte Mensch fort. Das klingt nicht sehr freundlich.

Ich beginne zu stottern, dass ich schon lange nicht mehr bei der Zeitung bin, die er meinen könnte, kneife meine Augen zusammen und erkenne ihn doch nicht und zermartere mein löchriges Hirn, ob ich nicht einst, in grauer Vorzeit, schlecht geschrieben habe über ihn und sein Haus.

Ha! bellt er, und ich ducke mich, ist einfach umgekippt, Ihr Kollege. Im OP. Höhöhö.

Ich wusste gar nicht, dass die Patienten mittlerweile während der Operation stehen müssen.

Hat das nicht ausgehalten. Wollte eigentlich eine Reportage schreiben über eine neue OP-Technik, die unser Chef eingeführt hat.

Schlappschwänze der Konkurrenz

Erleichtert erkläre ich ihm, dass es bestimmt ein Kollege der Konkurrenz-Zeitung war, die es auch nicht mehr gibt. Kein Wunder, bei solchen Reportern.

Herr Hund? Ein anderer grüner Mensch beugt sich über mich. Nun bin ich dran, nicke schmal, die beiden grünen Menschen schieben mich in einen Saal mit dem diskreten Charme eines Schlachthauses. Ich steige um auf die Schlachtbank; passe kaum mit meiner epischen Breite auf das schmale Ding. Da ist er wieder, der Arzt mit der roten Liste. Er will mich betäuben. Zahl oder Kopf? Kopf natürlich, die Spritze ins Rückenmark. Ich überlasse nichts dem Zufall.

Mir ist kalt und mich fröstelt, wenn die beiden OP-Schwestern an mir vorbeigehen und mich ihr Hauch streift. Zweimal Jil Sander satt. Die eine pumpt mir Salzwasser in die Adern, die andere schließt mich an den Monitor an. Beeep beeep, höre ich mein Herz schlagen. Sehen kann ich nichts. Beeep.

Die mit dem Alois …

Der Alois, sagt die rechts von mir durch ihren Mundschutz hindurch.

Ehrlich? fragt die links über meinen nackten Körper hinweg.

Beeep.

Ja, bestätigt die erste.

Beeep, beeep.

Und?

Bescheiden, antwortet die rechts mit einem Blick auf mein eingeschrumpeltes Glied. Ich spüre, wie sie auf das Ding herabschaut, während sie jetzt, gnädig, eine grüne Plane über meinen Körper zieht.

Padengdeng macht mein Herz, beeepeep antwortet der Monitor besorgt.

Bescheiden, murmelt die Rechte noch einmal, die Linke kichert.

Ich werde rot.

Beeep, beeep, bep.

Wollen Sie Musik? fragt mich jemand, ja krächze ich zur Antwort.

Bürgstädter Musikanten

Wir haben die Bürgstädter Musikanten, schmeichelt die eine der Expertinnen.

Um Gottes Willen! entfährt es mir.

Zwei Kassetten. Sie lässt nicht locker.

Nein, bitte nicht; alles, nur das nicht!

Bon Jovi, sagt die Schwester mit einer erstaunlichen Verachtung in ihrer Stimme. Ich bin bestimmt der größte Feigling, den sie je auf der Schlachtbank vorfand.

Ich grunze erleichtert. Bon Jovi.

Der Rock hämmert mich blöde, während ich dem Betäubungsdoktor den Blanken hinstrecke, und er sein Spritzlein setzt. Gut gemacht, ich spüre nichts.

Doch halt, jetzt schon – sie haben nämlich den Tisch gekippt; und langsam kraucht Taubheit in die Regionen unter meinem Nabel, erdrosselt mein Säcklein zuerst. Hilfe, ich kippe!

Schau mal der, höhnt die eine Schwester zu ihrer Kollegin. Und zu mir: Was krampfen Sie denn so?

Äh, ich, ich glaube, ich …

Quatsch, Sie kippen nicht runter. Ihr Gleichgewichtsinn ist lahmgelegt, beruhigt mich der Betäubungsdoktor.

Wenn’s das nur wär’, was lahmgelegt ist.

Ein Bein tanzt

Irgendwann sehe ich, schemenhaft, ein nacktes Bein tanzen, grotesk und wild, und ich überlege, was sie da unten für einen Regentanz aufführen, und ob das heute zur Zeremonie gehört, und auch, wie der Chirurg operieren will, wenn er dabei tanzt, mit seinem nackten Bein über dem Kopf. Aber, ich hege sowieso den Verdacht, sie lassen die Putzfrau an meinem Außenband üben – für ihr Chirurgendiplom auf dem zweiten Bildungsweg. Mein Bauch schlägt Wellen.

Irgendwann biege ich die rituellen Tanzschritte und die Donauwellen auf meinem Bauch zu einem Gedanken zusammen: Die lockern gründlich. Mein Bein. Vielleicht entwischt also mein Nerv ihren Messern, und nichts bleibt steif. An meinem Fuß.

Beeepbeepbep, keucht mein Herz, der Betäubungsdoktor hängt sein besorgtes Gesicht tief über meines. Mir sind meine Rhythmusstörungen egal, ich bin sie gewohnt. Viel schlimmer finde ich das leiernde Band im Walkman – Bon Jovi quietschend, wer hält denn sowas aus?

Na, ich müsste ich es gleich überstanden haben.

Es geht los

Sie fangen jetzt an zu schneiden, meldet mein Betäubungsdoktor. Oh nein, was hat denn die Putzfrau die ganze Zeit gemacht? War sie noch schnell schrubben, um Geld für die hungrigen Mäuler ihrer zehn Kinder zu verdienen – und um sich die teure Umschulung am Messer zu leisten? In diesen sparsamen Zeiten.

Nun, ich habe kaum Muße, darüber nachzudenken; das Wissen um das stählerne Schneiden in meinem Fuß verkrampft mich vollends. Ich hänge wie der Gekreuzigte auf der Schlachtbank.

Beeep Beeep.

Lassen Sie doch los, nölt die Schwester rechts und kneift mir in den Nabel. Sie rollen nicht herunter. Bei Ihnen ist doch nur der Gleichgewichtssinn gestört.

Und was ist bei Dir gestört? fauche ich sie in Gedanken an.

Irgendwann ist alles vorbei, sie heben mich auf die rollende Trage und schieben mich zum Aufzug. Rechts von mir wartet fröhlich der nächste Patient, um unters Messer zu kommen.

Sind Sie Herr Holz? fragt mich ein grüner Mensch, dessen Stimme ich nicht kenne.

Verdammt, erlaubt er sich einen Scherz auf meine Kosten?

He? kräht blechern der Mensch neben mir auf der Trage.

Herr Holz?

Ein bisschen harthörig

He? Ich höre Sie nicht, ich heiße Holz und ich bin ein bisschen harthörig. Er kräht es, als müsse jeder wissen, dass er Herr Holz und taub.

Ach so, hehe, beinahe hätten wir Ihnen den Schleimbeutel auch noch herausgenommen, prustet der grüne Mensch; ziemlich laut, wie mir scheint, so, dass Holz sein Scherzlein versteht.

Hehehe, lässt der sich auch nicht lumpen.

Wieso herausnehmen? Was ist mit ‘auch noch’? Hat mir die Putzfrau das Außenband rausgeschnitzt? Oh Gott.

Herr Holz verschwindet, fröhlich meckernd, im Schlachthaus. Der stählerne Schlund des Aufzugs öffnet sich vor mir, meine schwesterlichen Engel erscheinen; und sie erlösen mich von der Bein rüttelnden Putzfrau, die sich so gerne etwas herausnimmt; von der Bauch kneifenden Schwester, die sich in ihrer Freizeit über den bescheidenen Alois hermacht; vom Betäubungsdoktor, erbleicht über meine 40 Zigaretten täglich und meine nächtlichen drei Flaschen Rotwein.

Ein Zimmer nur für mich

Ich bekomme ein Drei-Bett-Zimmer für mich alleine, döse ein, während das Leben wieder meine Beine entlang kriecht, wobei es allerdings mein Säcklein in der Mitte liegen lässt für eine ganze Weile. Ausgedöst hat es sich, als meine beiden Engel Herrn Holz ins Zimmer schieben.

Na denn Prost, knurre ich.

He? kräht Holz.

Ich schaue ihn an.

Ich höre schlecht! brüllt er.

Ich weiß! brülle ich zurück.

He?

Du blöder Hund.

Ja, das ist blöd, stuft er sich auf ein Neutrum herab.

Wie heißen Sie?

Hund! antworte ich.

Wollen Sie mich beleidigen? brüllt Holz.

Nein, ich heiße so. Holzkopf.

Ach so, hehehe, schöner Name das, hehehe. Ich heiße Holz.

Taube Nuss wär’ besser.

Sag’ ich auch immer zu meiner Frau – kann man sich halt nicht aussuchen mit den Namen. Waldemar heiß ich, Waldemar Holz. Und Gunhild heißt sie, Gunhild Holz, meine Frau. Lustig, was? brüllt mein Bettnachbar.

Dämlicher Hund! Ich bin am Ende.

Wie war der Vorname?

Sauhund, kreuzlahmer!

Wie, Klaus Hund? Ich hör’ ein bisschen schlecht, müssen Sie wissen.

Ich verdrehe die Augen und schweige.

Der mit dem Bein tanzt

Vor Freude überwältigt, reißt Herr Holz sein linkes Bein hoch, wozu er schon beide Hände braucht, denn das schleimbeutellose Ding schnarcht tief nach der Operation. Ich erstarre. Er zerrt an seinem Bein herum, das er über seinen flachliegenden Körper hält – als wolle er den Regentanz der schnippelnden Putzfrau nachahmen.

Mir wird schlecht.

Bislang habe ich nur flach zu atmen gewagt, in Erwartung eines wütenden Schmerzes in meinem Bein. Habe tunlichst jede Bewegung vermieden. Und Herr Holz ist der, er mit dem Bein tanzt. An dem sie eben erst herum schnitten. Ich werde wahnsinnig. Dummerweise tanzt Holz nicht weiter, sondern sinkt in die Kissen zurück. Er hätte sich mehr bewegen sollen.

Eineinhalb Nächte später steht er auf, etwa um Mitternacht, glaubt sich ausgeruht genug für den Gang auf die Toilette. Bisher hat er in den Urinator aus Plastik gepisst, wie ich auch. Holz schafft es auf die Toilette, klappt den Deckel hoch, stellt sich an die Schüssel, lüftet seinen Willi – und fällt um. Die Nachtschwester findet ihn, der glücklich grinsend seine Schlafanzughose voll macht, den Willi zwischen Daumen und Zeigefinger. Der Ärmste hatte einen Kreislaufkoller.

Rauchen hilft

Das nimmt er mir persönlich übel – weil es mich nicht umwarf, als ich, endlich mutig geworden, ein paar rauchen humpelte; an zwei Krücken. Das mit dem Rauchen muss ein gutes Training gewesen sein für den Kreislauf, ich sage es ja immer.

Scheiß-Raucherei! brüllt Holz in die Nacht, als er wieder im Bett liegt und zu sich gekommen ist, ich hätte wirklich nicht damit aufhören sollen.

Holzkopp, antworte ich zärtlich.

Als Belohnung erzählt er mir sein Leben, quälende Stunden lang. Seinen Schleimbeutel ruinierte er sich übrigens, als er in seinem neuen Haus das Parkett verlegte, wütend auf den Knien rutschend.

Es dämmert, es gibt Frühstück, es gibt Mittagessen, es dämmert – Herr Holz erzählt. Dann besuchen ihn seine Frau und sein Sohn. Herr Holz ordnet streng an, wie sie mit Installateur Hinz und Spengler Kunz umzuspringen hat.

Das darf keine Fehler geben, verstehst du, he?

Schaukel den Vater

Seine Frau, die erstaunlich adrett ausschaut, lächelt mich an. Dann nickt sie ihrem Mann zu, anschließend ihrem Sohn, und der Lümmel löst die Sperre am Bett seines Vaters und schaukelt ihn wild im Krankenzimmer umher. Herr Holz versackt in den Laken, hält sich bitterlich fest, mit beiden Händen, seine Knöchel treten weiß am chromblitzenden Handlauf hervor, hey, hey, aufhören, blökt er, mir wird schlecht!

Herr Holz wird bald wieder an seinem Haus bauen, das Parkett verlegen, um die verlorene Zeit aufzuholen und er wird deshalb einen Hammer nehmen. Wird zuschlagen, ebenso wütend, wie er am zweiten Tag seinen Verband vom Knie riss. Und er wird sich die Hand zerquetschen, wenn der Hammer nur ein kleines Stück fehlgeht. Seine Frau wird lächeln und dem Sohn zärtlich über den Kopf streicheln, und der Sohn wird leuchtende Augen bekommen beim Gedanken an das schöne Bett im Krankenhaus, in dem er seinen Vater wieder schaukeln darf.

Es dauert nicht eine Woche, dann hatte es mich wieder, das Zimmer M 11 des Kreiskrankenhauses.

Da sind wir wieder

So, vorsichtig, hier geht’s lang, sagt die Schwester mit dem strengen Gesicht. Sie sagt es unerwartet fürsorglich. Schließlich werde ich zum Stammkunden. Ich humple mit meinem Liegegips am Bein auf die olivfarbene Türe zu, links gestützt von einer Krücke, rechts von der Schwester. Ihr Geruch gefällt mir. Sie hat mich unter der Achsel gepackt. Dort, wo der Verband endet. Den rechten Ellbogen berührt sie nicht – der ist frisch operiert.

Was haben Sie eigentlich mit dem rechten Arm gemacht? fragt sie sorgenvoll, und über ihr verhärmtes Gesicht huscht Anteilnahme. Sie macht große Augen – wie ein kleines Mädchen.

Den Schleimbeutel ruiniert. Zu viel geschrieben, sagt der Arzt, antworte ich ihr.

Aha. Und was?

Über Herrn Holz. Sie erinnern sich doch noch …

Ihr Lachen klingt glockenhell.

Na, dann freuen Sie sich. Und schreiben Sie mit der Linken weiter …

Sie stößt die Türe auf – und wen sehe ich da? Holz, klar. Liegt in seinem Bett, als habe er es nie verlassen.

Er zertrümmerte sich mit dem Hammer seinen rechten Fuß. So ein Pech.

Und? fragt er.

Schleimbeutel, antworte ich.

Sie, ja, ich warne Sie, ich habe jetzt ein Hörgerät. Niemand kann mich beleidigen.

Schleimbeutel, keuche ich.

Verstehe, bellt Herr Holz.

Diese Satire schrieb ich im Sommer 1993 in einem Pub in Cork, Irland.

Als Hilfsmittel dienten mir ein Kugelschreiber, ein Notizbuch und vier Guinness.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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