Heimlich, Jürgen: Zentralfriedhof, der Krimi

Zentralfriedhof

Bild: pixabay.com/Alois Wonaschütz

In seinem Krimi Zentralfriedhof geht es vor allem um den Gottesacker – und um einen Krimi, der spannend, aber auch eine Persiflage ist.

Heimlich wird eindeutiger

Als ich das Vorgängerbuch, Die schüchterne Zeugin, kritisch unter die Lupe nahm und schrieb, es sei nicht Fisch, nicht Fleisch, und eher Persiflage als Krimi, reagierte Jürgen Heimlich erstaunlich professionell. Das nächste werde eindeutiger, schrieb er.
Nun halte ich als Rezensent und als Autor gleichermaßen viel von Verrissen; sofern sie begründet sind und tatsächlich die Schwachstellen der Geschichte aufdecken. Das hilft auf lange Sicht weiter, wenn wir uns der Kritik stellen und überlegen, ob der Kritiker nicht doch recht haben könnte mit dem, was er sagt. Das habe ich auch schon genießen dürfen.
Nur beim aktuellen Buch tut‘s halt immer weh.

Der Zentralfriedhof ist klar besser

Wie also ist das aktuelle Buch von Jürgen Heimlich? Besser. Viel besser. Zunächst gefällt, dass sich Jürgen diesmal schön viel Zeit lässt, ehe der erste Mord geschieht. Das ist jetzt nicht besonders effekthascherisch, der Knall, der uns in die Geschichte zieht, findet erst einmal nicht statt. Aber wir bekommen Gelegenheit, Eduard Kneiffer gut kennen zu lernen, den pensionierten Kriminalisten mit traurigem Hang zum Zentralfriedhof.
Aus diesen ersten Seiten zieht das ganze Buch seine Glaubwürdigkeit, der Roman wird rund. Wir Leser haben die Chance, eine Beziehung zur Hauptperson aufzubauen.

Krimi oder Persiflage?

Ein kleines Problem allerdings bleibt: Der Krimi ist wiederum so gar nicht Kriminalroman der üblichen Proveninz. Wieder sind wir hin und her gerissen zwischen dem Lachen über die Persiflage und der Spannung, die dieser Krimi zweifelsohne aufbaut.

Ich habe mich daher beschlossen, dieses Buch als das zu nehmen, was es ist: Einfach als gute Mischung aus beidem. Ein Krimi, den man als solchen lesen kann. Und dessen Brechung in der Persiflage. Damit schalten wir zwar unser Hirn ein wenig aus, das von uns die Entscheidung zwischen Hüh und Hott, Kalt und Warm fordert. Aber wir müssen ja nicht immer auf das blöde Hirn hören.
Das Sowohl-Als-Auch mag auch ein wenig der Wiener Seele geschuldet sein. Dem Schmäh, den der Wiener nutzt, um sich ja nicht festzulegen. Und Leuten, die sein Handeln allzu ernst nehmen wollen, zu sagen, ach geh, das war doch nur Schmäh, was nimmste dich so ernst?

Der Wiener Schmäh – schwer zu verstehen?

Das mag für uns Deutsche nicht so einfach zu durchschauen sein. Aber weil die Wiener Fraktionen unter meinen Freunden stark wächst, lerne ich das jetzt auch.
Wenn ich geschrieben habe, Eduard Kneiffer sei die Hauptfigur, so ist das nicht ganz richtig. Eigentlich ist es der Titelheld, der Zentralfriedhof nämlich. Zu dem fühlt sich Kneiffer magisch hingezogen, hier ruht die Liebe seines Lebens, hier verbringt er jeden Tag mehrere Stunden.
Und hier finden sich die beiden Leichen dieses Falles; zumindest die, deren Tod aufgeklärt werden muss. Der Zentralfriedhof spielt aber auch im eigentlichen Plot die zentrale Rolle – wenn es darum geht, warum es den ersten Mord überhaupt gab.

Jürgen Heimlich tritt live auf

Und er ist Thema eines Buches, das Jürgen Heimlich in seinem Roman zitiert und sich als Autor dazu. Das mag für die einen wiederum Persiflage sein, also Brechung der Ernsthaftigkeit des Krimis. Ein wenig episches Theater im Roman, wenn der Autor selbst auftritt. Für die anderen ist das vielleicht ein wenig dick aufgetragen. Und diese anderen müssen harte Kost schlucken. Denn Jürgen Heimlich taucht nicht nur als Buchautor im Roman auf, sondern leibhaftig. Ja, er gibt Kneiffer Ratschläge für das Schreiben eines Kriminalromans (was wir vielleicht umgekehrt erwarten – dass ein Kriminaler dem Schriftsteller sagt, wo er realitätsfremden Kokolores schreibt).

Jürgen Heimlich – ein begnadeter Schnüffler

Und Jürgen Heimlich gibt zweitens den entscheidenden Tipp zur Ergreifung der Täter – und lässt seine Figuren über sich sagen, dieser Jürgen Heimlich habe es faustdick hinter den Ohren und eigne sich wunderbar als Schnüffler.
Das mag man lustig finden, selbstironisch gar. Hoffen wir, dass es auch hier Persiflage und nicht so sehr Selbstbeweihräucherung ist.
Und auch der Roman Zentralfriedhof, den wir gerade lesen, selbst taucht noch auf – als Geschenk des  Autors an den ehemaligen Kriminaler und angehenden Krimiautors.
Was ich dazu sage? Nicht schlecht, Herr Specht. Wenn ich auch meine: Mir wäre ein eindeutiges Buch einfach lieber gewesen – entweder Krimi. Oder Persiflage. Aber das liegt vielleicht daran, dass mir der entscheidende Wiener Schmäh (noch) fehlt. Kann man den lernen?
Jürgen Heimlich, Zentralriedhof, ISBN-10: 3842494947, ISBN-13: 978-3842494947, Tredition Verlag

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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