Wie die Höhlenmalerei entstanden ist – ein Steinzeitroman

Höhlenmalerei

Bild: pixabay.com/Norsk

In den Abenteuern des Neandertaler Mädchens Muuna stecken Magie, Weisheit und Spannung. Wir erfahren, wie die Höhlenmalerei entstanden sein könnte. Der Steinzeitroman bietet eine gelungene Zeitreise, mit ein paar Unschärfen.

Das Leben der anderen fantasieren

Es ist nicht so einfach, sich in das Leben anderer Menschen zu fantasieren. Natürlich bleibt es immer eine Annahme und letztlich konstruiert. Wir wissen ja gerade einmal, dass es die Neandertaler gab. Doch trotz aller Fortschritte der Wissenschaft in ihrer Erforschung bleiben diese Urmenschen uns fremd. Vieles liegt im Dunkel der Geschichte. Von daher ist es immer ein Wagnis, sich eine fremde, ferne Zeit als Hintergrund eines abenteuerlichen Romans auszuwählen.

Märchen aus der Welt der Neandertaler

Vielleicht klebt an diesem Buch auch deshalb das Etikett „Märchen“. Zur Not kann die Schriftstellerin Gudrun Maria Gräbner immer behaupten: Was wollt ihr denn, es ist ja doch nur eine ersonnene Geschichte. Mit Fakten muss das nichts zu tun haben.
Aber ganz so einfach macht es sich die Autorin nicht. Sie versucht, manchmal genial, selten zu weit hergeholt, sich der Welt der Neandertaler so nahe zukommen, wie das nur irgendwie geht.

Mit den Flügeln der Fantasie

Dazu arbeitet sie schlüssig und lebendig die Fakten ein, die man von diesen Menschen kennt. Und die das Buch in seinem Nachwort versammelt. Das ist doppelt gut, denn so kann auch der unkundige Leser sehr schön abschätzen, wo Gräbner unser derzeitiges Wissen über diese Menschen stimmig in Literatur verwandelt und wo ihre Fantasie ihre Flügel ausbreitet.

Die weise Neandertalerfrau schützt sie

Die Geschichte, die sich so entwickelt ist die von Muuna, einem Mädchen, das nach dem Mond benannt ist. Als Findelkind, dessen Clan sie als vermeintliche Totgeburt ausgesetzt hat, hat sie die Rolle einer Außenseiterin inne. Ana, die weise Neandertalerfrau, findet sie, nährt und beschützt sie. Von ihr lernt Muuna, die Wirkung der Kräuter kennen und die Tiere zu lieben. Das ist entscheidend für ihr weiteres Leben – denn Tiere sind für sie nicht nur nützlich, etwa als Fleischlieferanten bei der Jagd. Muuna schätzt Tiere als magische Wesen, die Geist und Seele haben.

Die Eidechse als Freund

Das schildert Gräbner intensiv bei der Eidechse, der Muuna auf ihren Streifzügen und Abenteuern begegnet. Muuna respektiert das Tier, trägt es, schützt es und die Eidechse zeigt ihr später den Weg durch die gefährlichen Felsen. Zeitweise wohnt sie in Muunas Haaren.

Muunas Weg zur Höhlenmalerin

Bei Pferden, Bären und Mammuts ist es ähnlich. Und weil Muuna die Tiergeister in den Mitgeschöpfen wahrnimmt und respektiert, findet sie ihre eigentliche Berufung: Sie wird Höhlenmalerin. Spielerisch entdeckt sie die Fähigkeiten, sie erringt damit allmählich die Achtung des Clans von Ana und den der anderen Menschen (homo sapiens wohl), bei dem sie eine Zeit lang lebt – weil sie durch ein Unglück von ihrem Clan getrennt ist.
Doch Muuna nutzt ihre Fähigkeiten eben nicht, die Tiergeister in den Malereien magisch zu unterwerfen – und so das Jagdglück der Sippe zu sichern. Wie es die Urmenschen in Gräbners Geschichte glauben.

Wilde Schluchten, reißender Fluss

Durchsetzt wird die Geschichte von Muunas Abenteuern. Dabei spielt die tiefe Felsenschlucht eine entscheidende Rolle. Und der mitunter reißende Fluss auf dem Grund der Schlucht. Die Höhlen und Lager der Sippen liegen auf der jeweils anderen Seite, und bei ihren Abenteuern überwindet Muuna zweimal Fluss und Schlucht. Dabei lernen wir das Mädchen als zähe Kämpferin kennen, die ihre Angst überwindet.
Es gibt nur eine Hauptperson – und das ist Muuna
Die Geschichte ist ganz auf Muuna fokussiert. Ihre taubstumme Freundin Yeemi hat zwar auch ihre Rolle, sie kommt aber über eine Nebenrolle nicht hinaus. Ebenso der Häuptlingssohn Bratt, der erst Widersacher, dann Freund ist. Und selbst Ana erleben wir nur schemenhaft. Das ist besonders schade, denn sie prägt Muuna entscheidend. Ihr Leben bleibt ähnlich vage wie ihr Tod.

Durchaus bereicherndes Märchen

Unterm Strich ist das Märchen aus der Zeit der Neandertaler durchaus bereichernd für die Leser. Die Geschichte aber gewonnen, wenn Gräbner sie noch stärker auf die Magie der Höhlenmalerei fokussiert und andere Figuren stärker mit Leben erfüllt hätte. Denn so wären die Konflikte schärfer hervorgetreten, die Spannung wäre gewachsen. Die vielen Klettereien im Felsen lenken dabei eher ab; sie sind nur oberflächlich spannend.

Gundrun Maria Gräbner, Muuna, die Höhlenmalerin, Abenteuer aus dem Leben eines Neandertaler Mädchens, Schweitzerhaus Verlag, Ab 8 Jahre, Hardcover 132 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-939475-98-9.
 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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