Gespräch mit Götz von Berlichingen

Bild-Quelle: portrait.kaar.at

 Spinnerte Geschichte gefällig? Bitte schön …

Eher widerwillig, schreibt Götz von Berlichingen in seinen Memoiren, hat er sich dazu überreden lassen, den Hellen Haufen als Hauptmann anzuführen. Heller Haufen – so nannten sich die Aufständischen des Bauernkrieges selbst. Wie dem auch war – auf jeden Fall kam der Helle Haufen mit Berlichingen an die Spitze bis ein paar Kilometer vor die kleine Stadt. Im Mai 1525 war das.
Krüger: Wie soll ich Sie anreden?
Berlichingen: Hauptmann genügt.
Krüger: Herr Hauptmann, Sie sehen so anders aus.
Berlichingen: Wie, anders?
Krüger: Naja, eher wie ein Bauer. Oder Künstler. Und nicht wie ein verwegener Kriegsheld und edler Ritter.
Berlichingen: Sie beleidigen mich nicht. Sie nicht! Bauer, pah! Künstler, igitt! Ich bin in Zivil hier, das ist alles.

Krüger: Aber Hauptmann darf ich Sie nennen?

Berlichingen: Sie dürfen.
Krüger: Sehr großzügig, vielen Dank.
Berlichingen: Bitte schön.
Krüger: Ihr Abenteuer im Bauernkrieg scheint Ihnen gefallen zu haben.
Berlichingen: Es war meine Pflicht.
Krüger: Pflicht? So kann man das auch sehen. Gut, Ihre Ziele waren ja durchaus respektabel.
Berlichingen: Selbstverständlich, Mann. Meine Ziele sind immer respektabel. Das Elend der Bauern musste aufhören. Das Gejammer hielt je keiner mehr aus. Aber die Pfaffen haben Scheiße in den Ohren, die hören so was nicht. Da mussten wir die ein wenig wachrütteln. Weg mit Leibeigenschaft, Frondiensten, Abgaben. Das war doch gut, das war doch edel.
Krüger: In der Tat. Aber Ihr Aufstand scheiterte.
Berlichingen: An mir lag das nicht. Und später kamen doch noch die Reformen.
Krüger: Ziemlich unbefriedigend für einen Aufständischen.
Berlichingen: Papperlapapp! Einer muss den Anfang machen und die träge Masse in Wallung bringen.
Krüger: Eine Ihrer Hauptforderungen war Religionsfreiheit. Warum das?
Berlichingen: Damals kam das Luthertum gerade auf, falls Sie wissen, wovon ich rede.
Krüger: Ich weiß es. Also war Ihre Forderung der damaligen Moden geschuldet?
Berlichingen: Unsinn! Mann.
Krüger: Ich dachte nur.
Berlichingen: Er hat gedacht. So so.
Krüger: Fahren Sie fort, Herr Hauptmann.
Berlichingen: Gut. Es gab also plötzlich eine Alternative zur knechtenden Mutter Kirche – die katholische meine ich jetzt. Nur sahen es die Pfaffen nicht gerne, wenn man zum Luthertum überlief, da wurden sie fuchsteufelswild. Wir wollten also die freie Religionswahl. Da hätten sich die katholischen Pfaffen halt mehr anstrengen müssen. Außerdem war das Luthertum liberal, stellten das Evangelium und den Menschen ins Zentrum. Und nicht den Papst und die Kirche.
Krüger: Eine schöne Predigt, die Sie da gehalten haben.
Berlichingen: Danke.
Krüger: Mit dem Hellen Haufen zogen Sie bis vor Amorbach.
Berlichingen: Wir zogen weiter. Aber vor Amorbach machten wir auch mal Station, ja.
Krüger: Und Sie sahen die kleine Stadt brennen, wie Ihr berühmter Ausruf bei Goethe bezeugt.
Berlichingen: Welcher Goethe?
Krüger: Der Freiherrn von. Der Dichterfürsten. Schon mal von ihm gehört?
Berlichingen: Um Gottes willen! Hören Sie auf mit dem Goethe, dem Scharlatan, dem elendigen. Da wird mir doch ganz schwurbelig.
Krüger: Aber Sie kommen doch beim Geheimrat gut weg: In seinem Drama beschreibt er Sie als stark, entschlossen, edel, ganz Sturm und Drang.
Berlichingen: Herrgott! Sturm und Drang. Auch so eine literarische Phrase; leere Worte, keine Aktion!  Nur Hanswürste! Und der Goethe, der war der Schlimmste. Der hat die Stürmer und Dränger an ihrem wilden Herzen krepieren lassen und pflegte das als Literatur. Pfui Deibel! Das Weichei hat alle Moden mitgemacht. Schwamm wie ein Fettauge immer oben auf der Suppe.
Krüger: Allerdings sehr erfolgreich.
Berlichingen: Nun ja, zugegeben.
Krüger: Ihnen war im Bauernkrieg zunächst weniger Erfolg beschert.
Berlichingen: Fangen Sie schon wieder damit an? Worauf wollen Sie hinaus?
Krüger: Auf die kleine Stadt. Ich will wissen, ob Sie schon einmal dort waren?
Berlichingen: Nein.
Krüger: Trotz des kriegerischen Ausrufs: „Geschwind zu Pferde, Georg! Ich sehe die kleine Stadt brennen“, wie Goethe schreibt?
Berlichingen: Wer ist Georg?
Krüger: Äh. Also, Sie waren nie in der kleinen Stadt?
Berlichingen: Nein !
Krüger: Bereuen Sie es?
Berlichingen: Was?
Krüger: Dass Sie nie dort waren.
Berlichingen: Nun lecken Sie mich doch am Arsch mit Ihrer kleinen Stadt, Mann!
Krüger: Wenn ich es einrichten kann, gerne. Noch etwas anderes. Wie haben Ihnen denn die Geschichten über die Mildenburg gefallen? Herr 100 und so.
Berlichingen: Wie? Geschichten? Die waren für mich? Lassen Sie mich doch mit Ihrem Gefasel in Ruhe, Sie Schelm!
Krüger: Herr Hauptmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Copyright: Klaus Krüger. Mit der freundlichen Genehmigung des Autors.

Das Gespräch ist dem Buch entnommen Klaus Krüger / Bruder Lustig, Küsschen für die kleine Stadt.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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