Frank Ronans blasphemische Sottise Dixie Chicken

Gott

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Den lieben Gott selbst sprechen lassen über einen verkrachten (Roman-)Helden – das bringt Frank Ronan fertig. Gute Idee, doch Ronans Gott ist leider zu lasch.

Gott erzählt eine teuflische Geschichte

O.k., Frank, netter Versuch. Den lieben Gott höchst selbst eine Geschichte erzählen lassen, das hat was. Vor allem, wenn‘s um einen Typen wie Rory Dixon geht. Ein Kerl, dem alles Glück dieser Welt zu zu fliegen scheint, und den Gott gerade deshalb liebt. Sagt Gottvater zumindest. Weil es nur ein Märchen der Mühseligen und Beladenen ist, dass sie dem Herrn ein Wohlgefallen sind. Zumindest sieht das der Herrgott so, den Frank Ronan sich erdichtet.

Ronan hat seinen Nietzsche im Kopf

Wir merken schon: Frank Ronan hat seinen Nietzsche gut im Kopf; und wertet schnell mal die Werte des gesamten Christentums um. In ein paar flapsigen Sätzen. Das hat in diesem Buch System: „Wenn es für mich keine Hoffnung gibt, welche Hoffnung gibt es dann für Sie?“ Gott als hoffnungsloser alter Mann, der längst vor dem Lauf des Schicksals kapituliert hat, das er nicht beeinflussen kann. Das hat zwar mit Gott nicht viel gemein – aber es macht sich gut als atheistische Attitüde. Warum Gott ernst nehmen, wenn er ein solcher Trottel ist?

Ronans Jesus Christus als Fehlschlag

Und dann Jesus, der fatale Fehlschlag: „Er ist ein netter Junge, zugegeben, und er hat sein Bestes gegeben, aber wir können die Eigenschaften für unsere Kinder nicht vorherbestimmen…“, sagte sein himmlischer Vater. Und der Kerl machte eine Reihe katastrophaler Fehler.
Blutarme Schwachköpfe in der Kirche – meint Frank Ronan: 
“Die Kirche schließlich wird auf die Lehren einer Horde blutarmer Schwachköpfe aufgebaut.“ Gut, das kennen wir, das haben wir schon anderswo gelesen.

Erlösung im Atheismus

Was wir noch nicht so oft gelesen haben, ist, dass Gott solche Sätze spricht: „Deshalb liegt die Erlösung der Welt … Im Atheismus.“ Nun ja, wir amüsieren uns über die dialektische Antithese, die überraschen soll. Doch das Amüsement verblasst zusehends, je weinerlicher Gott wird; und je abstruser die Geschichte vom begnadeten Saukerl Rory Dixon. Wenn Frank Ronan schließlich so aktuelle Dinge wie Kindsmissbrauch in seine Geschichte quetscht, plötzlich und unerwartet, stirbt wieder ein gutes Stück von ihr.

Dixie Chicken: Etwas dickpastig, das Buch

Und sie bleibt endgültig in der Dickpastigkeit stecken. Hier, meine ich, hat das Lektorat versagt; die Geschichte hätte straffer geführt gehört, Gottes philosophische Ergüsse könnten wir uns sparen. Dahinter verblasst der an sich gut erzählte Krimi mit der Frage, warum Rory Dixon eigentlich starb. Ronan führt seine Leser mehrmals in die Irre – und zeigt mit solchen Spannungsbögen, was er draufhat.
Gott erzählt eine teuflische Geschichte
Und wenn es dann ausgerechnet die eher teuflische Geschichte sein muss, die Gott erzählt, hätte ich sie nicht mit jenen Sätzen enden lassen: „Er spielte diesen Song – den, von dem er immer gesagt hatte, dass er ihn beim Sterben hören möchte, den Song über Dixie Chicken und Tennessee Lambs – und drehte die Lautstärke voll auf, und das Auto segelte mit Musikbegleitung in hohem Bogen über die Klippen. Er ist fort, und ich kann ihn nicht zurückholen. Ich bin nur Gott, und ich habe die Regeln nicht gemacht.“

Ende der Besuchszeit, Alter!

Und hier, lieber Frank Ronan, müsste die Besuchszeit dann zuende sein, der Wächter kommen, und den irren Greis, der behauptet, Gott zu sein, wieder ins Krankenzimmer der psychiatrischen Klinik bringen. Das wäre wirklich witzig gewesen. Alles andere ist ein wenig lasch.

Lascher Gott, lasche Rebellion gegen ihn.

Und leider irgendwo ein lasches Buch – zumindest, was die Moral seiner Geschichte betrifft. Wenn sie auch recht gut erzählt ist, was heute allerdings schon eine ganze Menge ist.

Frank Ronan, Dixie Chicken, 250 Seiten, Eichborn Verlag, Frankfurt, ISBN-10: 3821804858, ISBN-13: 978-3821804859.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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